Letzte Woche erreichte mich eine Frage aus der Leserschaft. Das dachte ich auf den ersten Blick zumindest! 🙈 Bei der Frage geht es darum, wann Supervision der passende Rahmen ist, um ein Scham-Thema zu bearbeiten oder wann es sich eher anbietet, selbst darüber zu bloggen.
Zu letzterem hatte ich im Rahmen meiner Blogparade → Peinlich!? Scham als Ressource im Berufsalltag vor ein paar Monaten aufgerufen. Die Beiträge zur Blogparade findest du unten in den Kommentaren beim Aufruf-Beitrag oder in meiner Zusammenfassung → Erfahrungen zu Scham als Ressource im Job – Zusammenfassung meiner Blogparade.
In meinem Artikel lade ich dich ein, für dich zu reflektieren, wie du mit Schamgefühlen bzw. schambehafteten Erlebnissen im beruflichen Umfeld selbstfreundschaftlich umgehen möchtest. Wer mit Menschen arbeitet erlebt früher oder später unangenehme Gefühle bei der Arbeit. Sei das Scham, Schuld oder anderes. Du bist damit nicht allein, selbst wenn es einem oft so vorkommt, weil wir einfach nicht gerne darüber sprechen, wenn uns so etwas passiert. Supervision kann ein Raum genau dafür sein. Oder der Blog. Wann was warum erkläre ich hier.
Inhalt
Die Frage
Zwischen deiner Einladung, das Tabu zu brechen, und dem Schutz persönlicher Grenzen bleibt für mich eine wichtige Spannung. «Darüber zu bloggen ist nochmals ein anderes Paar Schuhe» trifft diese Grenze. Woran würdest du konkret festmachen, ob ein Beitrag über Scham noch hilfreiche Reflexion ist oder bereits eine Selbstblossstellung, für die du eher Supervision empfiehlst?
Auf 3 Themen, die in dieser Frage angesprochen werden, gehe ich nachfolgend ein:
- Wann ist es (nicht) hilfreich, über eine Schamerfahrung zu bloggen?
- Wie kann ich für mich herausfinden, welcher Rahmen für die Reflexion meiner Schamgefühle passt?
- Wo ist die Grenze zwischen Sich-selbst-Blossstellen durch Reflexion und wie wird es möglich, ein Tabu unter Wahrung der eigenen Sicherheit zu brechen?
Die erste Frage beantworte ich gleich hier: Aus meiner Sicht ist der eigene Blog das passende Format, wenn die Schamerfahrung bereits reflektiert und verarbeitet ist. Die Ressource daraus ist bewusst geworden und im Berufsalltag integriert.
Ein schönes Beispiel dafür finde ich den Beitrag zu meiner diesjährigen Blogparade von Dr. Jennifer Dillmann. Sie erzählt von einer Begebenheit als Berufsanfängerin, die ihr noch sehr präsent ist: Da stieg mir die Schamesröte ins Gesicht ↗️
Was Supervision (nicht) ist
Supervision ist ein Raum, in welchem beruflich relevante Inhalte unter Schweigepflicht ausgetauscht werden können. Ich finde es sehr wichtig, dem eigenen Gefühl zu vertrauen, ob sich dieser Raum sicher anfühlt oder nicht.
Bei schambehafteten Themen kommt dazu, dass die Scham nicht nur inhaltlich wirkt, sondern das Bearbeiten und Sichtbarmachen eines Themas, sich darin verletzlich oder angreifbar zu zeigen, die Scham verstärken kann (vgl. Friesel-Wark 2013). Dies mag im Voraus passieren (nur schon der Gedanke, DAS jemandem zu erzählen!), während der Bearbeitung oder im Nachhinein (vgl. Baer/Frick-Baer zu den unterschiedlichen Arten von Scham).
Es gibt unterschiedliche Formate von Supervision, bei denen ich den Vertrauensraum und die Arbeitsweise klar differenziere. Supervision ist keine Therapie, keine Prüfungsvorbereitung und keine Schulung. Supervision dient der Reflexion von Rollen, Beziehungsdynamiken und Systemen im Jobkontext.
Supervision im Einzelsetting
In der Einzelsupervision gibt es die Möglichkeit, sich mit den eigenen Themen verletzlich/entwicklungsbereit zu zeigen. Das Tempo und die Intensität der Bearbeitung kann komplett daran orientiert sein, was für das Individuum passt und Sicherheit vermittelt, damit herausgearbeitet wird, wohin die Scham zeigt und welche Ressourcen für die Jobsituation daraus entstehen mögen.
Möglicherweise zeigt sich, dass die Schamgefühle aus einer Tiefe wirken, die nicht allein über das Bearbeiten von Situationen im Beruf reflektiert werden wollen, sondern nach einem noch intimeren Rahmen verlangen. Dies könnte eine psychosoziale oder psychologische Beratung leisten oder auch Psychotherapie, wo das Thema dann tiefer in die Persönlichkeitsstruktur, Prägungsbiografie oder Traumageschichte des Individuums begleitet und gehalten werden kann.
Supervision in der Gruppe
In der Gruppensupervision werden eingebrachte Themen angeleitet unter Peers besprochen und ausgetauscht. Die Gruppendynamik mag bestenfalls einen heilsamen Boden dafür bieten. Schlimmstenfalls verstärkt eine Gruppe unangenehme Gefühle oder holt durch versteckte Dynamiken unangenehme Erlebnisse erst recht ins Bewusstsein.
Hier steht und fällt der Erfolg von Reflexion für das Erleben der einzelnen Teilnehmenden meiner Meinung nach mit der Präsenz und Haltung der Gruppenleitung und wie das Erleben des einzelnen mit einbezogen wird. Besonders wichtig finde ich ein Bewusstsein über Gruppendynamiken, Grenzphänomene und die Wirkungen von psychologischen Phänomenen wie Projektion, Übertragung/Gegenübertragung und auch Aufträumprozesse, die im gemeinsam geteilten Raum geschehen können.
Supervision und Scham
Die Haltung, dass sein darf, was sich zeigt anstatt der erwarteten Richtigstellung
Ich erlebe es als weit verbreitete Meinung, dass Supervision als Gefäss für das Richtigstellen von praktischen Erfahrungen dient. Offen wird das nicht ausgesprochen, doch der Supervisor/die Supervisorin wird in ihrem Rang als Fachperson als jemand gesehen, der/die weiss, wie es richtig ist.
Wenn das nicht eintritt, erleben Supervisandinnen eine (nötige) Ent-Täuschung: Das Ziel der Supervision ist nicht die Korrektur der eigenen Fehlannahmen, sondern bestenfalls ein echter fachlich fundierter Austausch verbunden mit der Entwicklung eigener Ressourcen, die sich aus einem «schwierigen» Erlebnis heraus anbieten.
Antizipierte Scham, Scham im Zeigen von Verletzlichkeit, die Scham nach dem Teilen
Allein aus dem (antizipierten!) Rang-/Machtgefälle kann sich bei der Supervisandin ein Scham im Voraus entwickeln, sich verletzlich, fragend, suchend (= inkompetent?) zu zeigen. Supervisor:innen sind auch Menschen. Für mich ist klar: Das Erleben bleibt dasselbe. Auch ich als Supervisorin brauche Begleitung! Indikator für mich persönlich sind z.B. anhaltende Selbstzweifel oder ein wiederkehrendes ungutes Gefühl in bestimmten Situationen oder beruflichen Beziehungen.
Im Dialog mit Schamerleben und anderen unangenehmen Gefühlen
Supervision finde ich auch eine ausgezeichnete Gelegenheit, sich darüber klar zu werden, wohin die erlebten Gefühle in der beruflichen Situation/Rolle/Beziehung überhaupt gehören und welcher Art sie sind.
- Was ist das überhaupt für ein Gefühl? Wie erlebe ich das im Körper?
- Wie zeigen sich mir Scham, Schuld, Angst oder weitere unliebsame Gefühle und wie kann ich sie im Erleben unterscheiden?
- Gehört das Gefühl ins Hier und Jetzt? Wie passt die Intensität in diese Situation?
- Gehört das Gefühl eher in die Vergangenheit? Zu einem Anteil von mir selbst von früher?
- Gehört das Gefühl vielleicht gar nicht so sehr mir, sondern jemand anderem im Raum, der/die das jetzt gerade nicht selbst fühlen kann?
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Ist Scham im Spiel, so geht es in der Supervision in meiner Praxis darum, auch die Würde mit ins Boot zu holen. Denn die Erfahrung von Würde ist das Gegengewicht zum Schamgefühl (vgl. Marks 2024).
Mein Fazit
Supervision ist kein Format, das erst dann wichtig wird, wenn schwierige Situationen im Job mit Menschen auftreten. Supervision (meine Vision!) ist ein vertrauensvoller Raum für Austausch, Reflexion und Entwicklung. Alles, was ist darf sein. Es geht nicht um richtig und falsch. Entwicklung, Lernen, Veränderung passieren ständig. Das Bewusstsein darüber im Job-Kontext ist genau die Qualitätssicherung, die Supervision als Format leisten möchte.
In der Einzelsupervision gibt es Raum für das individuelle Tempo, Mass und dosierte Erfahrungstiefe im Prozess. Eigene Erfahrungen von Scham im beruflichen Kontext dürfen vertrauensvoll bearbeitet und eingeordnet werden. Die Supervisorin/der Supervisor ist sorgfältig darauf bedacht, fachliche Grenzen und Kompetenzen einzuhalten und für Sicherheit zu sorgen, allenfalls mit der Empfehlung, tief verankerte Schamerfahrungen im persönlichen Kontext professionell begleiten zu lassen.
In der Gruppe vermag Supervision bestenfalls durch das Setting genau jenen Teil der Schamerfahrung zu verwandeln, der sonst im Versteckten mächtig weiterwirkt. Ich habe es als ungemein heilsam (und dieses Wort verwende ich sonst nie!) erlebt, wenn in einer Gruppe jemand eine schambehaftete Erfahrung im Job teilt und bisher glaubte, damit ganz alleine zu sein, dank Austausch in der Gruppe aber erfährt: Ah, das ist dir auch passiert! Oh, so hast du dich auch mal gefühlt!
Scham ist nicht nur ein unliebsames Gefühl, sondern kann auch ein Instrument sein für Machtausübung und Manipulation in Systemen, Gesellschaften oder Organisationen. Aus der Sicht der Prozessarbeit gehört Scham als Gefühl, das (individuell und/oder kollektiv) an den Rand der Wahrnehmung gedrängt wird, zu den Aspekten des Erlebens, die sich ihren Weg zurück ins Bewusstsein suchen und in Form von Symptomen oder Irritationen wieder auftauchen.
Deshalb bin ich davon überzeugt: Wir müssen uns über schambehaftete Erfahrungen austauschen, vor allem im beruflichen Kontext, wo es so sehr um Bewertung, Kompetenz und Leistung geht. In welchem Rahmen, mit welchen Menschen über das (bisher) Unsagbare gesprochen werden kann, ist eine wichtige Frage und letztendlich entscheidest du für dich.
Ich möchte dir hier Mut machen, nicht alleine zu bleiben mit etwas, das dich quält. Es bindet deine Kraft. Kraft, die du im Begleiten von anderen Menschen ganz bestimmmt lieber als Ressource zur Verfügung hättest.
In meinem Verständnis ist Supervision ein wohlwollender Raum, dich im Begleiten von anderen zu stärken!
Zum Weiterlesen auf dem Blog:
→ Die Beziehung ist das wichtigste Tool: Warum Komplementärtherapeut:innen Supervision brauchen
In diesem Beitrag habe ich eine Frage beantwortet, die ich spannend finde und von der ich glaubte, ein Mensch mit einem gewissen Leidensdruck habe sie gestellt. Den Kommentar mit der Frage habe ich in der Zwischenzeit als cleveren KI-generierten Spam identifiziert. Was es nicht alles gibt! Peinlich für mich als naive Bloggerin. Die Ressource daraus ist mir das Learning, genau hinzuschauen und stets skeptisch zu bleiben.
Wann hast du dich zum letzten Mal ent-täuschen lassen?
Empfohlene Quellen
📖 Baer, Udo / Frick-Baer, Gabriele (2008): Vom Schämen und Beschämt werden. Bibliothek der Gefühle. Band 4. Weinheim und Basel: Beltz.
📖 Friesel-Wark, H. (2013): Scham als verborgenes Problem in der Supervision ↗️, FoRuM Supervision – Zeitschrift für Beratungswissenschaft und Supervision, 21(41), S. 19–36. doi: 10.4119/fs-2234.
📖 Marks, S. (2024): Was ist Scham? In: Würde in der Arbeitswelt. Springer, Berlin, Heidelberg. S. 17-43. https://doi.org/10.1007/978-3-662-69084-0_2 ↗️
Definitionen zu Fachbegriffen aus der Prozessarbeit wie z.B. Grenze oder aufträumen findest du in Karl Hosangs Artikel Arnold Mindells originelles Facilitation-Glossar ↗️
Jetzt bist du dran!
Wie geht es dir mit belastenden Erlebnissen im Job? Hast du Raum für Austausch und Gelegenheit für tragende Reflexion über schambehaftete Situationen aus deinem Berufsalltag?
Vielleicht ist jetzt für dich genau der öffentliche Raum auf diesem Blog passend, um etwas zum Thema Scham, Supervision oder unliebsamen Gefühlen im Job beim Begleiten von Menschen zu teilen. Ich bin gespannt auf deinen Kommentar. ⤵️







