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Umfrage zum Gähnen: 832 Menschen teilen ihr persönliches Erleben

Gähn-Emoji

2019 machte ich eine grosse Umfrage zum Gähnen beim gesunden Menschen. 832 Personen erzählten mir, wie sie Gähnen erleben. Damals wollte ich es genau wissen: In der Umfrage beantworteten die Teilnehmenden anonym 49 Fragen, auf Deutsch und Englisch. Das alles für meine Diplomarbeit für den Abschluss in Atemtherapie nach Middendorf.

Das Überraschendste an den 776 komplett ausgefüllten und auswertbaren Fragebögen war nicht, dass Gähnen wohltuend ist. Das war klar. Das Überraschendste war, dass die meisten gar nicht mehr wissen, warum sie es gewohnheitsmässig unterdrücken.

Als ich 2018 mit dem Atemblog startete, veröffentlichte ich immer wieder einmal Resultate aus der laufenden Umfrage. Hier veröffentliche ich zum ersten Mal die wichtigsten Resultate in einem Artikel, die sonst nur verstreut über den Atemblog (oder gar nicht) zu finden waren.

Inhalt

Meine Hypothese zum Gähnen

Ich hätte darauf gewettet, dass Höflichkeit der Grund ist, warum Menschen ihr Gähnen in Gesellschaft unterdrücken. Respekt, gute Manieren, die Hand vor dem Mund. Das war meine Vermutung. Schliesslich steht bei duden.de, Gähnen signalisiere Müdigkeit (oder Langeweile).

776 Antworten später weiss ich: Nur 102 von 468 Begründungen nennen eine Haltung wie «unhöflich» oder «unpassend». Die mit Abstand grösste Gruppe (203 Nennungen) begründet das Unterdrücken überhaupt nicht. Wörtlich: «macht man nicht!» Ich lag also daneben mit meiner Vermutung. Nicht die (bewusste) Höflichkeit unterdrückt das Gähnen. Es ist die Konvention, die sich so tief in uns eingeprägt hat, dass sie zum Automatismus geworden ist.

Gähnen gehört zu den unreflektierten Alltagsverhalten. Jeder und jede gähnt mehrmals täglich. Wenige sind sich dieser Erfahrung und der ihr innewohnenden Ressource bewusst. Wenn Bewusstsein ins Spiel kommt, ist es eher negativ bewertet. Es sei denn, mensch hat Bezug zum eigenen Atem und ist geübt in Selbstwahrnehmung. Genau daran arbeiten wir in der Atemtherapie.

Deshalb gehört das Gähnen (das Wie ist mannigfaltig!) für mich als Atemtherapeutin als unverzichtbares Instrument in den Werkzeugkoffer für einen atem-, mensch- und körpergerechten Alltag. Wie schrecklich, das Gähnen zu verlieren. Darüber gibt es eine Kurzgeschichte: «Das verlorene Gähnen» von Franz Hohler

Meine Methodik

Befragt wurden alle, die Lust hatten, sich 5 bis 15 Minuten mit ihrem persönlichen Gähnen zu beschäftigen. Online, anonym. 49 Fragen. Teilnehmende fand ich über meinen Newsletter, relevante Berufsverbände, mit 750 verteilten Postkarten-Flyern und mündlichen Weiterempfehlungen.

Die Umfrage lief vom 1. Januar bis 30. Juni 2019. 832 Personen nahmen teil, 776 Bögen wurden komplett ausgefüllt. Es handelt sich nicht um eine repräsentative Erhebung, sondern um eine Befragung in meinem eigenen Umfeld. Zwei Drittel der Teilnehmenden sind Frauen, die Hälfte stammt aus derselben Jahrgangs-Dekade (was Sharing-Plattformen so mit sich bringen).

Als Atemtherapeutin hatte ich ein spezifisches Interesse am Ergebnis: Gähnen gehört zu meinen Arbeitsinstrumenten, es fördert Selbstregulation (beim gesunden Menschen) und unterstützt die Selbstwahrnehmung. Beides sind deklarierte → Ziele der Komplementärtherapie.

Zusammengerechnet haben die Teilnehmenden meiner Umfrage insgesamt über 120 Stunden für mein Forschungsprojekt gegähnt und ihre Selbstwahrnehmung dazu dokumentiert.

5 Ergebnisse zum persönlichen Erleben von Gähnen

81 Prozent erleben ihr Gähnen als angenehm, aber die meisten spüren nur den Mund

Gähnen ist wohltuend. Die meisten Menschen sind sich darüber aus eigener Erfahrung einig. Meine Umfrage zeigte:

81 Prozent derjenigen, die sich an ihr letztes Gähnen erinnerten, erlebten ihr letztes Gähnen als (eher) angenehm, nur 7 Prozent als unangenehm. Beim Spüren sieht es bescheidener aus: 67 Prozent nahmen den geöffneten Mund wahr, 54 Prozent den geöffneten Kiefer, 40 Prozent den tiefen Einatem. Weitere Körperempfindung während und nach dem Gähnen werden seltener genannt, sind weniger ins Bewusstsein gekommen.

«ich werde mich wohl wieder etwas mehr auf das Gähnen konzentrieren, und vor allem den ganzen Körper miteinbeziehen.»

Teilnehmerin der Umfrage
zum persönlichen Erleben von Gähnen, 2019

Was das für dich heisst: Spüre beim nächsten Gähnen bewusst nach, was ausser deinem Mund noch mitmacht: Lass dich überraschen, was das Gähnen in deinem Körper, in deiner Seele und in deinem Geist für ein Echo bewirkt.

Fast niemand entkommt der Ansteckung, trotzdem gähnen fast alle höflich

Gähnen ist so ansteckend, dass dagegen kein Kraut gewachsen ist.

Nur 5 Prozent aller Teilnehmenden geben an, selten oder nie angesteckt zu werden, wenn jemand «vorgähnt». Umgekehrt gähnen in Gesellschaft fast 80 Prozent höflich, mit der Hand vor dem Mund, 37 Prozent unterdrücken den Impuls ganz, 20 Prozent praktizieren das Nasengähnen: Lippen bleiben aufeinander, Kiefer dehnt sich auf.

«Oh man, wie viel man gähnt bei so einer Umfrage!»

Teilnehmerin bei der Umfrage
zum persönlichen Erleben von Gähnen, 2019

37 Personen nannten die Umfrage selbst als Grund für spontanes Gähnen. Und 60 Prozent hatten zum Ende der 49 Fragen tatsächlich gegähnt.

Was das für dich heisst: Selbst ein Fragebogen über Gähnen steckt an. Vor dem Hintergrundwissen, dass da gerade dein Körper reguliert, wird die Ansteckung vom Ärgernis zur willkommenen Einladung.

203 Ohne-Grund-Gähner: Konvention rechtfertigt sich selbst

Das meistgenannte «Argument» gegen das freie Gähnen ist keins.

Von 468 freiwilligen Gründen fürs Unterdrücken des eigenen Gähnens bleiben 203 wortwörtlich grundlos: «macht man nicht!» Dahinter folgen erst die klassischen Begründungen: 102 Mal Haltung («unhöflich, unangebracht»), 66 Mal Signalvermeidung («signalisiert Langeweile, Desinteresse»), 32 Mal Hierarchie («wichtiger Anlass, Autoritätspersonen»).

«Es wäre schön, wenn man Gähnen nicht unterdrücken müsste, nur weil es im geschäftlichen Umfeld ein no-go ist.»

Teilnehmerin der Umfrage
zum persönlichen Erleben von Gähnen, 2019

Was das für dich heisst: Frag dich beim nächsten unterdrückten Gähnimpuls einmal, wem du da gerade gehorchst. Wer erlaubt oder verbietet dir gerade, dich dem wohltuenden Gähnen hinzugeben?

Wir sind mit uns selbst strenger als mit allen anderen

Das eigene freie Gähnen in Gesellschaft stört uns signifikant mehr als das der anderen.

62 Prozent erleben das eigene freie, offene Gähnen im Beisein anderer als (eher) unangenehm. Nur 39 Prozent stört das freie Gähnen anderer. Ein hochsignifikanter Unterschied (p < 0,01). Wer selbst gähnt, verurteilt sich dafür. Wer andere beim Gähnen beobachtet, ist gnädiger mit dem Urteil.

«weil ich dann denke, aha, du auch …», kommentierte eine Teilnehmende, warum fremdes Gähnen ihr angenehm ist.

Was das für dich heisst: Wenn andere in deiner Gegenwart gähnen, beobachte deine Resonanz. Nimmst du wahr, was sich beim andern gerade löst und reguliert oder richtest du gemäss Knigge über das Verhalten?

Wer einen Bezug zum Atem hat, bewertet Gähnen anders

Atemerfahrung macht aus dem Fremdschäm-Gähnen ein Wohlgefühl.

Teilnehmende mit Bezug zum eigenen Atemgeschehen, durch Sport (58 %), Meditation (36 %) oder Gesang (28 %), bewerten sowohl fremdes wie eigenes Gähnen in Gesellschaft signifikant häufiger als angenehm. Am deutlichsten fällt der Unterschied bei denen aus, die Atemtherapie nach Middendorf angeben. Hintergrundwissen plus Körpererfahrung verändert die innere Bewertung: «weiss dass dies dem Körper und der Person gut tut.»

Und die vielleicht schönste Rückmeldung der ganzen Umfrage stammt von einer Teilnehmenden, die ihre morgendliche Augentrockenheit seither mit bewusst zugelassenem Gähnen reguliert.

Was das für dich heisst: Gähnen ist weit mehr als Mundaufreissen. Es ist Schwingung im zwischenmenschlichen Resonanzraum, es befeuchtet die Augen und es gibt sogar Studien, die erforschten, wie Gähnen die Empathie fördert.

O-Ton zum Gähnen, die besten Zitate aus der Umfrage

  • «habe soeben erkannt, dass Gähnen etwas mit dem eigenen Selbstverständnis zu tun hat»
  • «Die Umfrage ist ein weiterer ‹Kick›, um endlich bewusst/aktiv mit dem At(m)en in und mit mir etwas ‹anzufangen›»
  • «ich sage jeweils, gähnen ist die einfachste Atemübung»
  • «Ich musste dreimal Gähnen durch diese Studie :)»

Was ich trotz dieser Umfrage nicht weiss und befürchte, dass es unergründlich bleibt

Ich weiss bis heute nicht, warum Gähnen so ansteckend ist. Bewiesenermassen ist es aber unbedingt so, das kann ich aus eigener Erfahrung gähnen – äh, sagen.

Gähnen ist ohnehin ein Phänomen, das bisher nicht nur wenig erforscht, sondern auch mit vielen Falschinformationen kolportiert wird. In der Wissenschaft sind sich die Fachrichtungen auch nicht einig, wer für die Gähnforschung zuständig ist. Sind es die Biologen? Die Psychologen? Die Verhaltensforscher? Ist es vielleicht die Medizin? Sollten sich die Soziologen darum kümmern? Oder vielleicht die Forensiker?

Gähnen ist wohl eines der interdisziplinärsten Forschungsgebiete überhaupt. Genau deshalb ist es weiterhin so unerforscht. Ich behaupte, die persönliche Erfahrung des eigenen Gähnens ist das Konkreteste, was derzeit an Wissen und Verständnis zum Phänomen Gähnen möglich ist.

Quellen (Auswahl)

Susanne über das Gähnen

📖 Wagner, Susanne (2019): Von der gähnenden Leere zum lehrenden Gähnen: Förderung der Selbstwahrnehmung und Stärkung der Selbstregulation. Gähnen als komplementärtherapeutisches Arbeitsinstrument. Präsentation und Diskussion ausgewählter Resultate aus der online-Umfrage zum persönlichen Erleben von Gähnen. Abschlussarbeit Ateminstitut Schweiz, Bern.

📖 Wagner, Susanne (2021): Glossar zum Gähnen – Diese 16 Begriffe jetzt verstehen. [Stand 1.11.2025]

→ Gähn-Knigge: Hand vor den Mund – aber wie?

→ Was ist Chasmologie und welche 7 Gähn­forscher musst du kennen?

→ 5 Tipps zum Nasengähnen: Teste jetzt «inneres Gähnen»

→ Es war einmal … eine unanständige Business-Grimasse

Die besten Bücher zum Gähnen

📖 Guggisberg, Adrian G. (2012): Gähn!. In: Gehirn & Geist. Dossier Spektrum Wissenschaft. Nr. 3/2012. S.6-9.

📖 Spang, Monika. (2010). Das grosse Gähnen. Weinheim Basel: Beltz & Gelberg.

📖 Provine, Robert (2014): Ein seltsames Wesen. Warum wir gähnen, rülpsen, niesen und andere komische Dinge tun. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

📖 Walusinski, Oliver et al. (2010): The Mystery of Yawning in Physiology and Disease. Frontiers of Neurology and Neuroscience, Vol. 28. Basel: Karger.

Gähnen im Internet

🎬Cubasch, Peter (2022): #51 Gähnen – Atmen – Lachen / Interview mit Peter Cubasch. https://youtu.be/BOeg7AcxD0k?si=uLyzhWke_fjQFO6M [Stand 17.10.2026]

📖 Wagner, Susanne (2020): «Von der Erotik des Gähnens». In: atemzeit Nr. 20/Juli 2020. Mitgliederzeitschrift des Atemfachverbands Schweiz AFS, S. 13. Heft downloaden ↗

📖 Walusinski, Oliver (2003): Le bâillement. Verfügbar unter: www.baillement.com [Stand: 29.11.2018].

Jetzt bist du dran

Wie gehst du mit Gähnimpulsen in Gesellschaft um? Bist du als Gähner/Gähnerin höflich, unterdrückt oder frei? Unten im Kommentar ⤵️ hat es Platz für deine Gähn-Erlebnisse. Und falls du gerade beim Lesen gegähnt hast: Freu dich! Entscheide du, ob du gähnende Leere oder lehrendes Gähnen erlebst!

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