Persönlichkeitstests sind eine weit verbreitete Möglichkeit, schnell (oder gründlich) etwas über sich selbst, die eigenen Stärken und Eigenschaften herauszufinden. Spannend finde ich dabei immer die Schnittmenge der Fremdwahrnehmung mit der Eigenwahrnehmung. Wer meine ich zu sein und wie sehen mich andere? Was verneine ich an mir und mache es dadurch für andere erst sichtbar?
In welche Schublade lasse ich mich stecken und in welche Schublade stecke ich mich selbst? Seit Jahren blogge ich (meist wöchentlich) zu einem vorgeschlagenen Thema. Heute nicht. Ich folge nicht der Empfehlung, das Resultat eines selbst gewählten Tests zu präsentieren. Nein. Heute will ich kein Testergebnis sein. Und bin es genau deshalb doch. In diesem Artikel teile ich mit dir, warum das so ist (und so sein darf).
Den Artikel zu meiner Persönlichkeit(sschublade) habe ich bereits 2024 geschrieben. Hier kannst du ihn nachlesen → Gebrauchsanweisung für mich selbst: Ich gehöre in die Schublade INFJ-T «Advokat» beim Myers-Briggs-Typenindikator. Dort nehme ich dich mit auf meine Entdeckungsreise durch den Myers-Briggs-Test. Ich erzähle, was an der INFJ-T-Schublade auf mich zutraf und wie ich damit umging, in diese Schublade zu gehören.
Inhalt
Im Persönlichkeitstest-Widerstand
Heute will ich kein Testergebnis sein. Egal welche Schublade, egal wie sehr sie zutreffen mag, heute weigere ich mich, irgendwo einsortiert und bewertet zu werden. Ich will ein Leben voller Qualitäten. Qualitäten der Wahrnehmung. Unberechenbarkeit. Aggregatszustände. Essenzerfahrung. Verbundenheit, auch mit dem Wetter draussen.
Klar kann ein Test mir dabei helfen, mehr zu mir selbst herauszufinden, wer ich bin, wie ich ticke und was mir wichtig ist. Zum Beispiel → Wertetests. Darüber habe ich auch schon mehrfach gebloggt und ausgelotet, wie sich meine Werte mit mir verändert und entwickelt haben und trotzdem verlässlich gleich geblieben sind.
Ein solcher Wert ist der Widerstand. Das Nein. Das nicht wollen. Das nicht können. Nicht-Sein. Nicht-Haben. Nicht-Sehen. Nicht-Verstehen. Denn ich liebe das Nichts. Das Dagegen. Mit all meinem Menschsein. Mich erleben dank dem, was gerade nicht ist.
Verurteilen, was ich selbst trotzdem tue
Ich selbst will also kein Testergebnis sein und mich in keine Schublade stecken lassen. Was mache ich mit meinen Leser:innen auf dem Blog? Genau das. Ich erfinde → unterschiedliche Pausentypen und lasse durch Selbsteinschätzung die Schubladisierung durch die Hintertür wieder rein.
Ich liste Anzeichen dafür, das mensch zum Zombie wird vor dem Bildschirm und oute mich als Oberzombie. 100% Schublade, 0% Unvoreingenommenheit. → Atemfluss statt Atemstau: Top Ten der Atemräuber am Schreibtisch inkl. Selbstcheck und Sofort-Tipps für deinen Atemflow
Selbsteinschätzung ist eine wunderbare Ausrede für Schubladisierung. Es ist geschehen, bevor du es merkst. Es ist oft geschehen, bevor ich es merkte. Weil ich selbst von so vielem absolut überzeugt bin innerlich, wie es zu sein hat. Wie es für mich normal ist. Was ich kenne. Womit ich mich sicher fühle. Ja, das bin ich.
Alles andere wäre echt erschütternd.
Wenn ich mich also in irgendeine Schublade stecken lasse (oder mich selbst reinstecke), dann will ich davon wenigstens (unbewusst) einen Vorteil haben. Selbst wenn es lediglich die Bestätigung ist, dass ich recht hatte. Ich habe es ja schliesslich immer gewusst.
… dass ich das eben nicht bin … oder nicht kann. oder nicht sehe …
Die Erlauberin einladen
Indem ich so klar weiss, was ich alles nicht bin/tue/will, gewinne ich an Identität und Identifikation. Selbst gewählte (vermeintlich), selbst ermächtigte (jedenfalls im Moment).
Selbstfreundschaftlich?
Selbstfürsorglich?
Selbstpräsent?
Da muss ich zuerst meine Erlauberin fragen. Diesen Anteil in mir, der wohlwollend, unterstützend und liebevoll sagt: Ja, probier das doch mal aus! In deinem Tempo. Lass dir vielleicht dabei eine Begleitung zugutekommen. Kann nix passieren.
Arnold Mindell würde sagen: In jedem «Ich bin halt so» steckt auch die Polarität, das Nicht-Ich. Das, was gerade nicht ist, aber genauso dazugehört zu mir. Oder zu meiner Schublade, ich der ich drin hocke.
Meine Begleit-Vision: Struktur und Rahmen ja, Schublade nein
Es gibt kein Ergebnis, deshalb gibt es eins
Der Prozess zeigt, was er zeigt. Wir wissen nicht im Vorhinein, wo das hinführen wird. Es gibt kein Ergebnis. Deshalb kann es auch nicht richtig oder falsch herauskommen. Mich interessiert die Qualität des Erlebens. Wie hast du das erlebt? Und der Sinn, den du dem Erlebten beimisst. Was bedeutet das für dich?
Ich fördere Wohlwollen, wenn du willst
Aus eigener Erfahrung weiss ich, wie kräftezehrend es ist, ständig streng mit sich zu sein. Ich wünsche mir einen Raum für Möglichkeiten. Neue Erfahrungen. Sich selbst neu begegnen. Sich verbinden mit dem, was sich zeigen möchte. In den Fluss einsteigen und sich überraschen lassen. Dabei eine sichere und wohlwollende Gefährtin an der Seite haben. Das wünsche ich mir, wenn jemand mit mir mit Prozessen unterwegs ist.
Dir selbst ein Kompass werden, mit kleinen Schritten
Wir arbeiten im Hier und Jetzt. Orientierung und Struktur gewinnen wir über die Körperempfindung (hinter der die Gefühle stecken) und über das Bewusstsein für das eigene Mass, Tempo und den passenden Rhythmus. Dein Atem lehrt dich. Ihm darfst du dich zuwenden. Er zeigt, was ist. Du musst nichts machen. Er kommt. Er geht. Du wartest. Er kommt von selbst wieder.
Der Wille, unser Feind
Auch ich zwinge mich zu so vielem. Ich muss dies, ich muss das. Nur noch schnell … Ich will es gut machen, richtig machen, andere retten, anderen helfen, achtsam sein, nachhaltig leben und noch viel mehr. Viel zu viel. Was sich nicht erzwingen lässt.
Der Wille ist mächtig und er hat mich schon weit gebracht. Er kann viel. Er will viel. Er bringt viel. Aber den Atem verweist er auf den zweiten Platz. Kontrolle zuerst. Vertrauen später. Das ist nicht gesund. Als Gesundheitsfachperson will ich natürlich auch ein gesundes Vorbild sein. Will will will.
In den Charakterstärken zur Positiven Psychologie von Martin Seligman heisst es: Alle Menschen haben alle 24 Stärken. Nur unterschiedlich ausgeprägt. Manche sind sehr aktiv, andere schlafen. Die Stärken sind alle gleichwertig, sie haben unterschiedliche Qualitäten und in ihrer Kombination ergeben sie individuelle Stärkenbilder. Sie bleiben meist über Jahre stabil. Das kann ich bestätigen. Den Test wiederhole ich regelmässig.
Ich erinnere mich an mein erstes Mal.
Das Resultat machte mich wütend.
Meine am stärksten ausgeprägte Stärke: Urteilsvermögen.
Autsch.
Hallo Schublade, aus der ich versuche zu flüchten.
Zum Glück bleibt mir eine weitere Stärke: Der Humor.
Mit dem Resultat, dass Urteilsvermögen eine meiner grössten Stärken sein soll, habe ich mich inzwischen versöhnt. Ein Vermögen ist schliesslich einfach da, nur so für den Fall, dass man etwas davon brauchen könnte.
Tests, wenn du Lust auf einen Sprung in eine Schublade hast
16personalities ↗️ Der Myers-Briggs-Test, mit dem ich 2024 zur Advokatin wurde.
VIA Charakterstärken ↗️ Der Seligman-Test (Positive Psychologie), der mit Urteilsvermögen in Schubladen klemmte, was ich nicht wahrhaben wollte.
Werte-Test ↗️ Der Werte-Test von Ein guter Plan, mit dem ich mir 2023 Neugier, Fantasie und Kreativität und 2025 Herzlichkeit, Wohlwollen und Lernbereitschaft attestierte.
Jetzt bist du dran
Welches Testergebnis hast du irgendwann einmal als Urteil über dich genommen? Unten im Kommentar ⤵️ kannst du mir erzählen, was Tests mit dir machen und welche Resultate dich (nicht) überrascht haben.







