Ich will wissen, was ich vor mir sehe. Die Antwort meiner Mutter erschüttert mich bis auf die Knochen

Aufgeschlagene Buchseite mit Atemübung. Susanne von hinten, über die Schulter fotografiert.

Ich bin sechs Jahre alt. Wir besuchen das Museum Allerheiligen in Schaffhausen. Ich renne die Treppen hinauf und schaue auf ein Exponat. «Mami, was ist das?», frage ich.

Die Antwort steckt mir noch heute in den Knochen. Was mir als Kind durch Mark und Bein ging, beschäftigt mich noch nach Jahrzehnten. Ein bisschen anders. Der Schreckmoment ist zur Ressource geworden. Wie sich diese Wandlung vollziehen konnte, bringt mich selbst ins Staunen.

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Das Davor wird durch den Schreck ausgelöscht

Mein Leben vor dem Museumsbesuch war wohl eher unspektakulär. Heute kann ich mich punktuell nicht mehr daran erinnern, was mein sechsjähriges Ich dachte, fühlte, spürte. Was meine Lebenswelt vorher gewesen war.

Das Museum Allerheiligen in Schaffhausen:
Aktuell im Frühling 2026: Die Hoffnung als Krücke ↗️

Blick auf das Menschsein und die Vergänglichkeit

Die Frage «Mami, was ist das?» fiel wohl jeden Tag unzählige Male. Natürlich fragte ich meiner Mutter ununterbrochen «Löcher in den Bauch». Sobald eine Antwort erfolgte, war auch schon die nächste Frage da und so weiter und so fort.

Nicht so an jenem Tag im Museum Allerheiligen in Schaffhausen. Denn meine Mutter sagte: «Das isch emal en Mänsch gsi.» [Das war einmal ein Mensch.]

DAS WAR EINMAL EIN MENSCH?

Das fuhr mir tief in die Knochen. Dieser luftig drapierte Haufen blasser Knochen war einmal ein Mensch gewesen? Ein atmendes Wesen wie ich selbst, wie meine Mutter, wie du, wie Nachbars Katze …

Ich fiel in meinen inneren Abgrund. Wo war jetzt dieser Mensch? Wieso lag, was von ihm (oder ihr) übrig war, hier im Museum? Könnte er einfach wieder aufstehen und neues Fleisch ansetzen? Schaute das Wesen womöglich zu, wie wir es gerade betrachteten?

Und: Das Leben wird ein Ende haben. Wir alle sind sterblich. Ich selbst bin sterblich. Ich werde in meinen Überresten enden. Wie wir alle. Meine Mutter, mein Vater, mein Bruder … Die Frage war nur: Wann?

Die tödliche Verunsicherung

Wann würde es geschehen? Wann würde «Schnitter Tod» uns holen? Wen zuerst? Hoffentlich mich zuerst? Was wäre schlimmer? Der lange Schatten des Knochenmannes mit der Sense und dunkler Kapuze lauerte von da an in jeder Ecke. Besonders übel, wenn es rundum dunkel und still war.

Wenn ich gerade aus einem Albtraum erwachte.

Wenn ich unvorbereitet über Abbildungen von Totenköpfen stolperte.

Das Hiroshima-Opfer in Grossvaters Chronik des 20. Jahrhunderts zufällig aufblätterte.

Den Leichenhaufen, schwarz-weiss-Foto im selben Schunken.

Oder die Gebeinehäuser in Klosteranlagen.

Gruften mit Mönchsmumien.

Manchmal gab es eine Warnung: «Schau nicht!» Zu spät.

Die Bilder waren unauslöschlich. Wieder die Angst. Wieder der Schreckmoment meines sechsjährigen Ichs.


Eine Sendung über die Frage: Ist es ethisch erlaubt, menschliche Überreste auszustellen?
Ausgestellte Tote: Mumien und Moorleichen zeigen im Museum – geht das noch? ↗️

[Bereits das Beitragsbild enthält fragwürdige Inhalte … und ich habe ein wenig zu weit gescrollt, den Schrecken ein bisschen geweckt, um zu merken: Ja, es passiert auch noch mit 50+ und ist ok, weil ich heute Nacht trotzdem schlafe.]

Wenn der Schreck nachlässt – oder doch nicht?

Als Kind versuchte ich danach, den Knochen auszuweichen. Auch Bildern davon. Erzählungen davon. Orten mit Knochensammlungen. DAS waren alles einmal Menschen!

Nachrichten von Massengräbern, Berichte von Museumsstücken, Schrumpfköpfe, Skalptrophäen. Ich war überfordert.

Das Leben ging zum Glück für mich einfach weiter. Niemand starb oder verliess mich. Ich erhielt Zeit, mich mit der Endlichkeit der atmenden Wesen zu versöhnen.

Zeit, herauszufinden, wer ich selbst war.

Auch später noch, als saubere Knochen auf Bildern ok waren: Seitenweise Ötzi-Bilder in Zeitschriften, an denen ich mir die Finger verbrannte. «Du bist zu empfindlich.» Der Beweis. Auch als Erwachsene.

Ich lernte über Friedhöfe zu gehen. In Zeitschriften zu blättern. Böse Bilder auf Armeslänge zu halten. Mich zu versöhnen mit der Endlichkeit.

Hilfe, ein echter Femur!

Der Schreck hallte noch lange nach. Vor 10 Jahren: «Ein echter Femur!» [menschlicher Oberschenkelknochen]. Mein Inneres zittert erneut: Das war einmal ein Mensch!

Ich näherte mich mit kleinen Knochen an. Das Schlüsselbein half mir dabei. Langsam erwachte die Neugier und gewann Oberhand.

Was aus dem Fall in den inneren Abgrund geworden ist

Ich weiss nicht, wie ich morgen reagieren würde, sollte ich im Wald über ein Skelett straucheln. Beim Gedanken daran schlucke ich schon mal ziemlich leer.

Was mir am meisten geholfen hat, ist ein Blick auf diese verängstigende Materie, der forschen und entdecken wollte. So kam zu meinem Erlebnis mit Knochen eine Vielfalt an Erfahrungen dazu, was Knochen auch sind. Welche Eigenarten und Qualitäten sie haben. Wie ich Struktur und Stabilität über den Körper empfinden kann dank meiner Knochen. Statt der grauslichen Kälte des angekündigten Todes.

Die Neugier siegt

So lernte ich: Meine Knochen sind warm! Sie sind ausgestattet mit vielerlei Aufgaben im Körper, transportieren Sinnesreize, sind an Stoffwechselvorgängen beteiligt, bewegen sich unermüdlich. Dabei unterstützte mich die Atemtherapie-Ausbildung.

So übte ich: Im selben Raum wie das Modell-Skelett sein. Es neugierig betrachten und zum Lernen nutzen. Bei der Atemarbeit meine Schädelknochen vibrieren spüren und darin aufgehoben sein. Diese faszinierenden Erfahrungen wurden mir durch Atemübungen und Gähnen zugänglich.

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So verstand ich: Mein sechsjähriges Ich wurde durch Mutters Antwort «Das war einmal ein Mensch.» jäh aus einer kindlichen Ewigkeitswelt gerissen. Tatsachen wurde mir schlagartig bewusst, mit denen ich damals nicht klarkam. Es brauchte Zeit. Es brauchte Geduld. Es brauchte Wohlwollen mir selbst gegenüber um immer wieder anzuerkennen: Ja, ich habe das erlebt.

Was mich erschütterte, mag für jemand anderen kein Wendepunktpotenzial beinhalten. Für mich war es der Moment, auf den ich heute schauen kann und verstehe: Da kam mir mein Vertrauen ins Leben abhanden. Der Moment weckte auch mein Interesse für atmende Wesen. Für Bewusstsein. Für das «Wer bin ich?» eines jeden von uns.

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Wieder vertrauen

Es gab einen Weg, mein Vertrauen ins Leben wiederzuentdecken und ich fand ihn. Das macht mich heute innerlich zuversichtlich und zur starken Begleiterin in Prozessen. Die Gebeine haben mir Beine gemacht. Ich habe erfahren: Alles braucht seine Zeit. Alles braucht ein stimmiges Mass. Alles braucht Geduld und Wohlwollen, die eigene Wahrnehmung und das eigene Erleben anzuerkennen, einzuordnen und in Beziehung zu bringen.

Damit es heute in neues Licht gerückt kein Klotz am Bein mehr zu sein braucht.

Sondern vorwärts trägt.

Und beim nächsten Schreck – der kommt bestimmt! – atme ich vertrauensvoll aus im Wissen, wie mich das reguliert und wieder auf die Beine bringt.

Knochenphobie

Ich habe es doch noch gegoogelt: Gibt es diese Knochenphobie, die ich erlebt habe? Gefunden habe ich nichts Konkretes.
Liste der Phobien ↗️ Da gibt es die Thanatophobia, die Angst vor dem Tod. Da klingt bei mir heute ein Nervensystemzustand an: Das Erstarren, lebendig eingefroren sein. Als Kind geschah mir eine Körperweisheit: Ich zitterte. Bis der erschütternde Schreck sich verflüchtigt hatte.

Warum bloss hatte mich das so erschreckt? Vielleicht war ich auch einfach ein besonders fantasievolles Kind und spürte, dass zwischen Leben und Tod noch so einiges auf Entdeckung wartet, das wir nicht benennen. Können? Wollen?

Ja siehst du, jetzt habe ich meine Erfahrungen und Erlebnisse schon wieder bagatellisiert. Das passiert so schnell. Vielleicht ist es auch ein wenig beruhigend? Wenn ich schon nicht herausgefunden habe, dass es sich um ein völlig normales und weit verbreitetes Phänomen handelt. Einige Stimmen gibt es, die fürchten sich vor allem davor, dass sie selbst aus Knochen bestehen.

Die Bilderfalle

Wie geht es mir jetzt, am Ende dieses Artikels? Ich bin wieder in die Bilderfalle getappt. Das ist ok. Es ist auch nötig, mein Reality-Check.

Mittlerweile bin ich recht abgebrüht. Das Wissen über den Körper hat mir neue Welten aufgezeigt und die Neugier siegt regelmässig. Ich schaue hin und wieder ohne mit der Wimper zu zucken «Grey’s Anatomy». (Zwischendurch vor dem Bildschirm zu blinzeln wäre allerdings gesünder!)

Eine kleine fiese Angst lauert um die Ecke, die schon haucht: Schäm dich! So ein Drama wegen nichts. Du bist einfach zu empfindlich. Auch das ist ok. Diese Erfahrungen gehören zu mir. Der Schreck hat mich als Kind erschüttert und mein Wachstum bedeutsam gemacht. Dem Leben wieder vertrauen. Die Knochen gehören dazu.

Solange ich atme, lerne ich. Meine Knochen lasse ich dann am Tag X nicht von Würmern fressen (auch so eine unrealistische und beängstigende Vorstellung 😉). Das Feuer wird mich verzehren, wenn der Tag gekommen ist.

Jetzt bist du dran!

Was hat dich zuletzt bis auf die Knochen erschüttert? Wie gehst du damit um? Wie gut kennst du deinen inneren Abgrund und welche Leere gähnt in dir? Wie regulierst du dich bei solchen Erfahrungen? Was sind deine Kraftquellen in Momenten, in denen dir der Boden unter den Füssen weggezogen wird?

Lass uns gerne unten ⤵️ einen Kommentar da, wenn dein Kinder-Ich auch einen Wendepunkt mit Schrecken erlebt hat, der sich wandeln durfte. Was ist die Geschichte dazu? Mir geht es um Erfahrungsqualitäten und Bewusstseinsgeschenke. Es ist ausdrücklich kein Wettstreit der erlebten Schrecklichkeiten, zu dem ich hier aufrufe! Gleichwohl will ich dem individuellen Schrecken seine Erschütterungskraft weder absprechen noch wegpositivieren.

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