Selbstpräsenz ist die Fähigkeit, situativ verbunden zu sein mit dem eigenen Wesen und aus diesem Sein zu wirken. Selbstpräsenz ist die Schlüsselkompetenz für Prozessbegleitung. Sie ist kein Zustand, sondern selbst ein Prozess.
Wer andere in Lern- und Veränderungsprozessen begleitet, braucht Selbstpräsenz. Bist du Coach, Berater:in, Therapeut:in oder Lehrer:in? Dann weisst du bestimmt, was mit Selbstpräsenz gemeint ist. Weil du erlebst hast, was passiert, wenn sie abhandenkommt.
Bei Stress oder unter Druck geht der Zugang zur eigenen Selbstpräsenz schnell verloren. Mit fatalen Folgen für die eigene Wirkung und das berufliche Wirken. Oft sind unangenehme Gefühle die Folge: Unzulänglichkeit, Selbstzweifel, Scham …
Inhalt
Selbstpräsenz – Schnellüberblick ℹ️
- Selbstpräsenz ist die Fähigkeit, bei sich anwesend zu sein und das nach aussen auszustrahlen.
- Selbstpräsenz kann nicht durch ein Tun erreicht werden, sie ist vielmehr eine Form von Sein. Über Wahrnehmung, Achtsamkeit und Geschehenlassen kannst du Selbstpräsenz aufbauen und pflegen.
- Im Umgang mit Menschen ist Selbstpräsenz eine Schlüsselkompetenz. Sie vermittelt Sicherheit und schafft Vertrauen.
- Bei der Arbeit mit Menschen in Lern- oder Entwicklungsprozessen sorgt Selbstpräsenz in der Prozessbegleitung für beziehungsdynamische Orientierung und innere Klarheit.
- 60-Sekunden-Übung: Mach jetzt eine Mikropause und steige direkt in deine aktiv eingeladene und bewusst erlebte Selbstpräsenz ein. Spüre nach, was sich im Kontakt zu dir verändert hat.
Erlebe Selbstpräsenz mit einer Mikropause:
Klopfe schnaubend deine Arme 👣 die Fusssohlen auf dem Boden.
Mikropause 444’859 von 531’441.
Was Selbstpräsenz im Joballtag bedeutet
Im Alltag bedeutet Selbstpräsenz, dass du bei dir bist anstatt irgendwo. Aus dem Kontakt zu dir entsteht die Verbindung zu den Menschen, mit denen du arbeitest, zur Situation, zu den zwischenmenschlichen Dynamiken und Prozessen im Raum.
Es braucht eine Art innere Leere, in der dein Wesen wach wird, damit diese Verbindung zustande kommt. Die Leere ist nicht «leer», sie hat eine Informationsdichte, die jenseits der 5 Sinne geschieht. So nimmst du als ganzer Mensch wahr, was gerade ist und daraus geschieht deine Präsenz.
Eine ungeteilte, direkte Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt ist heutzutage ein Luxus, fast schon ein Einhorn-Erlebnis. Dabei umfasst das die grösste Sehnsucht von uns Menschen: Gesehen, gehört und angenommen sein.
Selbstpräsenz hat deshalb etwas Magisches. Mit Zaubern hat das nichts zu tun. Es geht um den Kontakt, die Verbindung und die Sicherheit, die daraus entsteht. Daraus öffnet sich der Raum für neue Erfahrungen, Forschen im Ungewissen, Auseinandersetzung mit Schwierigem. So werden wir bereit zum Start in den Prozess.
Woran erkenne ich Selbstpräsenz?
Du hast dafür bestimmt einen Radar, dem du vertraust und weisst es, bevor du darüber nachdenkst. Oft hat es mit kongruenter Kommunikation zu tun, d.h. was eine Person sagt, tut und ausstrahlt, passt zusammen.
Ein Mensch mit Selbstpräsenz ruht in sich, steht zu sich und nicht neben sich. Besonders in schwierigen Situationen wird das deutlich. Auch unter Druck oder bei Stress wirkt echte Gelassenheit weiter. (Selbst-)Mitgefühl wird spürbar und eine Echtheit, sich mit dem zu zeigen, was gerade ist.
Wer jenseits der 5 Sinne bewusst wahrnimmt und damit die «zweite Aufmerksamkeit» kennt, ist für mich ein Mensch mit den Voraussetzungen für Selbstpräsenz. Eine innere Ruhe trotz äusseren Turbulenzen mit einem klaren Kontakt zu sich bedeutet eine bessere Wahrnehmung der eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Grenzen.
Was Selbstpräsenz nicht ist
Selbstpräsenz ist keine passive Haltung oder Dauerentspannung. Sie ist auch nicht eine souveräne, unnahbare Maske. Sie ist keine Selbstoptimierung und kein Selbstmanagement. Selbstpräsenz ist die Polarität von blindem Aktivismus, unreflektierter Leistung und sinnentleertem Funktionieren.
Selbstpräsenz ist auch keine Hexerei, kein ultimativer Geheimtipp oder eine Wunderdroge. Selbstpräsenz ist jedem Menschen angeboren, ob und wie der Zugang dazu möglich ist, das ist die Frage.
Selbstpräsenz als Begriff grenzt an einige Konzepte, von denen ich mich jedoch abgrenze in meiner Definition von Selbstpräsenz. Hier einige Erläuterungen:
- Selbstbewusstsein: reflexionsbezogener, kognitiver, Charaktereigenschaft
- Selbstfreundschaft1: wohlwollender Umgang mit sich, allgemein lebenspraktisch
- Selbstführung: allgemeiner; wertebasierte Lebenshaltung, sich kompetent zeigen
- Selbstfürsorge: vgl. Selbstfreundschaft
- Selbstmanagement: Fokus auf Kontrolle, Prioritäten, Ordnung halten
- Selbstoptimierung: Leistungsanspruch, Orientierung am Aussen, am Nicht-genügen
- Selbstreflexion: erkenntnisfokussiert, kognitiver, evaluationsbezogen
- Selbstregulation2: ausgleichende Prozesse Nervensystem, Körper, Affekte
- Selbstverantwortung: vgl. Selbstführung
- Selbstvertrauen: Grundhaltung, willkommen und im Kern gut und richtig zu sein
- Selbstwahrnehmung: bewusster Informationsfluss, Vorbedingung für bewusst erfahrbare Selbstpräsenz
- Selbstwirksamkeit: alltagsbezogene Haltung und Erfahrung, dass eigenes Handeln wichtig ist
Warum Selbstpräsenz für Beratende wichtig ist
In Therapie, Beratung und Coaching laufen die wichtigsten neuen Erfahrungen und Erkenntnisse über den zwischenmenschlichen Resonanzraum und das vertrauensvolle Miteinander. Damit meine ich neue Erfahrungen oder «korrigierende» Erfahrungen, die aufzeigen, wie es auch sein könnte. Statt weiterhin durch die eigene Brille der Wahrnehmung zu schauen, die vielleicht geprägt von Schmerz, Erdulden, Müssen oder Versagen ist, können neue Blickwinkel und Bedeutungsaspekte dazukommen.
Menschen in Lern- und Entwicklungsprozessen zu begleiten ist eine anspruchsvolle Tätigkeit. Sie setzt voraus, dass du als Therapeutin oder Coach dich selbst gut kennst. Die Begleitung von Menschen in potenziell herausfordernden Prozessen (Hilfe! Eine neue Erfahrung! Womöglich noch über die Körperwahrnehmung …) bedingt deine gefestigte innere Orientierung und Klarheit.
Das ist eine Kontakt- und Beziehungsqualität. Sie ist nicht statisch, sondern situativ substanzieller oder flüchtiger. Je nachdem, wie du tickst und wie dein Gegenüber tickt entfaltet sich das Miteinander in seiner Qualität.
Im prozessorientierten Beratungsrahmen widmen wir uns dem Ungewissen, Unbekannten, Unerhörten. Was ist, darf sein. Was sich zeigt, darf gesehen, gehört, gespürt werden. Es geht darum, diese Aspekte in deinem Bewusstsein ankommen zu lassen, sie in deine Identität zu integrieren. Was du für dich situativ einordnen und in seiner Bedeutsamkeit anerkennen kannst stärkt dich als ganzer Mensch.
Wie sich Selbstpräsenz entwickeln lässt
Die gute Nachricht ist: Selbstpräsenz ist (wieder) lern- und erfahrbar. Es ist möglich, sie (wieder) zu entdecken und auch in herausfordernden Situationen zugänglich zu machen.
Über differerenzierte Wahrnehmung und die Pflege des Kontakts zu dir selbst kannst du die Selbstpräsenz bewusst und aktiv wecken.
Besonders im Job ist die Selbstpräsenz dein Ass im Ärmel, wenn mal wieder alles drunter und drüber geht und deine Mitmenschen an der Decke kleben. Lass dich nicht anstecken von Unruhe, Ärger oder Sorgen.
Wie geht es dir gerade? Was ist dir in dieser Situation wichtig? Steh zu dir statt neben dir. Achte auf dich und nimm dir einen Moment Zeit, dir selbst ganz ernsthaft zuzuhören. Was schenkt dir deine innere Stimme gerade? Was will sich zeigen? Was liegt in der Luft, das Dynamiken steuert? Wie kannst du jetzt in deiner Rolle präsent werden?
Fazit: Selbstpräsenz als Schlüsselkompetenz in der Prozessbegleitung
Selbstpräsenz ist eine unverzichtbare berufliche Schlüsselkompetenz, besonders in der beratenden Arbeit mit Menschen. Sie ist mehr als eine Haltung, sie ist Beziehungsrahmen, Nervensystemregulation und echte innere Orientierung. Dadurch entsteht innere Klarheit bei dir selbst und den Menschen, die du begleitest. Gerade in Lern- und Entwicklungsprozessen braucht es Sicherheit und Vertrauen. Deine Selbstpräsenz bewirkt das und verleiht dir eine natürliche Autorität.
Selbstpräsenz ist kein Aktivismus, Selbstoptimierung oder Gefallenwollen. Du stehst zu dir in deiner Ruhe in der gegenwärtigen Situation und schöpfst daraus echte Orientierung für das Miteinander. Du brauchst nicht mehr Wissen, mehr Strategie oder Kompetenz. Das ist alles da! Wenn dir der verlässliche Zugang in gewissen Situation abhandenkommt, lass uns damit arbeiten. Der Selbstpräsenz-Prozess ist anders: Es ist kein vorgegebener Plan, sondern wir folgen deiner ureigenen Entwicklungslogik. In deinem Tempo, in deinem Mass. Erlebst du in deinem Job mit Menschen oft Überforderung, Erschöpfung oder Selbstzweifel? Lass uns darüber sprechen, wie wir das gemeinsam ändern.
Der Selbstpräsenz-Quickcheck mit dem Eseltest
Für mich ist es das:
Geht der Esel mit mir durch den Bach?
Wenn ja, ist mein Selbstpräsenz-Pegel ✅
Wenn nein, frage ich mich: Wovor habe ich Angst?
Meine Antwort ist dann wahrscheinlich: Dass der Esel nicht mitkommt mit mir durch den Bach!
Was für ein Dilemma!
Eine Antwort darauf: Mach ich mich selbst zum Esel und gehe mit mir selbst durch den Bach. Wenn das klappt, klappts auch mit dem Esel. Es könnte eine Schlange im Bach haben. Auf die könnte ich treten. Das wäre mein Todesurteil. Meine Angst beschützt mich vor dem sicheren Tod. Lieber warte ich auf dieser Seite des Baches und lebe mein Leben, wie ich es kenne …
🤔 Wenn du jetzt gerade nicht mehr mitkommst von wegen Prozesslogik, dann denk zurück an die letzte Situation, in der alles aus dem Ruder lief, beziehungsdynamisch und so. Was würde ein Esel tun?
Die paradoxe Logik gehört zu meiner Arbeitsweise als prozessorientierte Beraterin: Es ist weder dies noch das. Es ist ein Sowohl-als-auch, aus dem DAS DRITTE entsteht. Was das ist, wissen wir erst, wenn wir zusammen in den Fluss gestiegen sind und es entdeckt haben. Ist deine Neugier geweckt?
Du hast Fragen?
Buche dir ein kostenfreies und unverbindliches Vorgespräch und erfahre, wie wir dein Anliegen gemeinsam bearbeiten können.
Jetzt bist du dran!
Was bedeutet für dich Selbstpräsenz? Erzähl uns unten ⤵️ im Kommentar, was du damit assoziierst oder erlebst, mit deinem situativ Wesen verbunden zu sein und aus dieser Ruhe und Gelassenheit zu wirken und Wirksamkeit zu entfalten.
- Selbstregulation und Selbstwahrnehmung gehören auch zu den ➡️ Zielen der Komplementärtherapie, mit denen ich als Atemtherapeutin arbeite. ↩︎
- Selbstfreundschaft ist auch ein philosophisches Konzept von Wilhelm Schmid.
📖 Schmid, Wilhelm (2018): Selbstfreundschaft. Wie das Leben leichter wird. 2. Aufl. Berlin: Insel.
📖 Schmid, Wilhelm (2004): Mit sich selbst befreundet sein. Von der Lebenskunst im Umgang mit sich selbst. Frankfurt am Main: Suhrkamp (=Bibliothek der Lebenskunst). ↩︎







