Es passiert täglich. Wahrscheinlich auch dir immer wieder: Du erlebst etwas, es fühlt sich an wie …? Da ist so ein Gefühl im Bauch oder ein Kribbeln unter der Haut. Vielleicht eine Anspannung im Körper, die sich meldet. Worum geht es da eigentlich?
Manchmal braucht unser individuelles Erleben eine Übersetzung in die Sprache. Eine Verortung in einem psychologischen Konzept. Einen Rahmen, der verstehbar macht, was gerade passiert. Damit die eigenen Erfahrungen mit anderen ausgetauscht und bearbeitet werden können. Zum Wachsen. Für den eigenen Prozess.
Wenn ich Menschen in Prozessen begleite, nutze ich die Prozessorientierte Psychologie nach Arnold Mindell. Das gibt uns eine Sprache fürs Erleben, um zu benennen, was dir im Fluss widerfährt. Hier habe ich dir 10 wichtige Begriffe aus meiner Praxis zusammengetragen. Manche sind klassisches Prozessarbeitsvokabular (Beziehungskanal, Sekundäres Material), manche gehören auch zur Komplementärtherapie (Selbstregulation), andere habe ich aus meinem Arbeitsansatz heraus entwickelt (Selbstpräsenz, Traumkraft).
Stöbere nun in der Prozessarbeits-Definition der 10 Begriffe, mit denen ich mich vertieft beschäftigt habe. Viel Vergnügen!
10 Begriffe für dein Erleben auf einen Blick
Susannes Prozessorientierte Beratung in 10 Begriffen
Beziehungskanal
Der Beziehungskanal ist einer von mehreren Wahrnehmungskanälen der Prozessarbeit: Alles, was zwischen dir und deinem Gegenüber an Nähe, Distanz, Resonanz oder Reibung passiert, wird hier zum wahrnehmbaren Material.
Vielleicht magst du jemanden unausstehlich finden und merkst erst viel später, wie sehr dich das Verhalten selbst betrifft. Genau darum ist der Beziehungskanal so wertvoll: Er zeigt, was in einem Prozess wirklich relevant ist. Alle Prozesse landen im Beziehungskanal (behaupte ich). Denn wir sind nun mal Beziehungswesen.
Quelle: Arnold Mindell, Prozessarbeit; im Einzelnen beschrieben in meinem Beratungskonzept.
Zum Weiterlesen auf dem Blog
→ Wie viele Sinne hat der Mensch? Wahrnehmungskanäle in der Prozessarbeit
Bewusstseinsfunktionen
Die vier Bewusstseinsfunktionen nach C.G. Jung beschreiben, wie du Informationen wahrnimmst und verarbeitest: über DENKEN, FÜHLEN, EMPFINDEN oder INTUIEREN.
Der moderne Mensch hat vor allem zum Denken einen direkten Zugang. Die drei weiteren Funktionen werden in den Hintergrund gedrängt, weniger geübt, sie verkümmern. Je weniger bewusst eine Funktion ansteuerbar ist, desto eher überflutet sie unkontrolliert, z.B. Gefühle.
Ilse Middendorf hat die vier Funktionen für ihre Atemlehre übernommen: Im Erfahrbaren Atem kannst du lernen und üben, über Körperempfindung zu regulieren, statt (vergeblich) über den Kopf.
Quelle: C.G. Jung; Ilse Middendorf, Der erfahrbare Atem (2007, S. 21f.)
Weiterlesen auf dem Blog
→ Sinne beim Menschen: Bewusstsein und Bewusstseinsfunktionen
Eldership / Ältestenschaft
Eldership (Ältestenschaft) bezeichnet in der Prozessarbeit die Fähigkeit, als reifer, wohlwollender innerer Anteil über die eigenen inneren Stimmen zu wachen, ohne sie zu unterdrücken.
In dir wohnen mehrere Anteile, z.B. ein Perfektionist, eine Zweiflerin, ein Kind, das auf Anerkennung wartet. Es gibt da aber auch eine Älteste, Erfahrene, Weise in dir, die wohlwollend ist und nicht verurteilt. Eldership ist kein Alter, sondern eine Haltung. Es geht um eine natürliche Autorität. Sie ist nicht laut oder bestimmend, sondern eine wohlwollende innere Begleitung.
Bestenfalls haben wir das im Heranwachsen so erfahren und verinnerlicht mit unseren Bezugspersonen. Wenn nicht, unterstützen «korrigierende Erfahrungen» dabei, dass ein jüngerer Anteil auch im Erwachsenenalter noch heranwachsen darf.
Quelle: Prozessarbeit nach Arnold Mindell; vgl. auch S. Zanotta, Wieder ganz werden (2026).
Koregulation
Koregulation ist die wechselseitige zwischenmenschliche Mitregulation von Sicherheit, Anspannung und innerem Gleichgewicht zwischen zwei Nervensystemen.
Wenn dich jemand ruhig anschaut, tief und gelassen atmet, dann atmest auch du auf. Bestenfalls lernen wir das in frühester Kindheit mit unseren Bezugspersonen. Wir regulieren uns zuerst über Beziehung, bevor wir uns selbst regulieren können. Dieser Lernprozess ist entscheidend dafür, wie wir im Leben mit Anspannung, Druck und Stress umgehen, denn Koregulation ist eine Basis für → Selbstregulation.
Auch später ist es möglich, sich darin zu entwickeln und im Alltag sich mit dem eigenen Nervensystem zu verbünden, anstatt es zu bekämpfen. Zum Beispiel können kleine Pausen dazu beitragen, immer mal wieder bei sich einzuchecken und zu schauen, in welchem Zustand das eigene Nervensystem gerade ist. Komplementärtherapie ist dafür ein gutes Übungsfeld und bietet ein breites Spektrum an Ressourcen für Selbstwahrnehmung und Selbstregulation.
Quelle: Nervensystemforschung, u.a. S. Rosenberg, Der Selbstheilungsnerv (2021).
Weiterlesen auf dem Blog
→ Selbstregulation beginnt im Körper – nicht im Kopf. 3 Gründe, warum Bottom-up-Regulation dein Nervensystem wirksam beruhigt
→ Was ist Komplementär-Therapie? Ganzheitliche Therapie mit 3 stärkenden Zielen
Prozessarbeit
Prozessarbeit (Prozessorientierte Psychologie) ist ein von Arnold Mindell begründeter Ansatz, der Entwicklung über das aufgreift, was sich im Moment zeigt. Prozessorientierte Arbeit bezieht den Körper als Ressource mit ein und zeichnet sich durch Herangehensweisen aus, die multidimensional sind und z.B. mit Bewusstseinszuständen wie dem Traum arbeiten.
Statt gegen ein Symptom anzukämpfen oder es weghaben zu wollen, fragt Prozessarbeit ganz im Sinne der tiefen Demokratie, in der alle Stimmen zu Wort kommen dürfen: Was will es sagen? Die Arbeit mit Träumen und Körpersymptomen gehört dazu. Das Globusgefühl im Hals zum Beispiel hat oft etwas zu melden, das noch keine Worte gefunden hat.
Quelle: Arnold Mindell, Der Leib und die Träume (1995); Das Pferd rückwärts reiten (1997).
Zum Weiterlesen auf dem Blog
→ Was ist der Schlundschnürer-Muskel und was hat er damit zu tun, wie du dich fühlst?
Sekundäres Material
Sekundäres Material bezeichnet alle Signale, die störend erlebt werden oder unbewusst auftreten. Es sind Informationen, die gerade nicht zur gewünschten Identität passen.
Das plötzliche Vergessen beim Vortrag. Der Zupfer an der Bluse. Der Ton, der aggressiver klingt, als du dich fühlst. Kein Fehler im System, sondern Information: In diesen Anteilen liegen oft die wichtigsten Hinweise für deine Entwicklung. Deshalb interessiere ich mich beruflich für genau das, was du am liebsten wegdrücken würdest: Angst, Scham, Selbstzweifel. Alles, was an den Rand gedrängt wird, schwingt trotzdem mit. Bei sich selbst, in Beziehungen und auch in der Welt.
Es kommt vielleicht im Traum zu dir zurück, meldet sich als Körpersymptom oder als die immer gleiche wiederkehrende Irritation in deinem Alltag. Vielleicht begegnen dir ständig Menschen, die mit derselben Sache auf die Palme bringen oder es fällt dir immer wieder das Zeug aus der Hand. Das alles ist Material für Prozesse.
Auch dein Atemgeschehen gehört zum sekundären Material. Wann immer du magst: Wende dich hin zu deinem Atem und beobachte (ohne zu verändern oder zu bewerten), was dich (körperlich) gerade bewegt und wie du das erlebst (Gefühl hinter der Empfindung). Anregungen dazu zum Sofort-Testen findest du z.B. im → Atemorakel.
Quelle: Prozessarbeit nach Arnold Mindell
Selbstpräsenz
Selbstpräsenz ist die Fähigkeit, im Kontakt mit dir selbst und der Situation klar, anwesend und handlungsfähig zu bleiben, auch unter Druck. Es ist eine Beziehungskompetenz, die Selbstwahrnehmung und Selbstregulation mit einschliesst. Deshalb nenne ich sie auch Wurzelkompetenz im Begleiten.
Es ist die berufliche Schlüsselkompetenz überhaupt, wenn du Menschen begleitest. Stress, Druck und Belastung unterbrechen den Zugang dazu manchmal akut. Wer ständig «neben sich» steht, kann gerade nicht in Verbindung begleiten. Die Rückverbindung zu sich verändert das.
Selbstpräsenz ist kein Zustand, den man hat oder nicht hat. Selbstpräsenz ist auch ein Prozess, eine Erfahrung, die du immer wieder machen kannst. Die Polarität dazu kennst du vielleicht: der Bildschirmzombie.
Quelle: mein Beratungskonzept; Amy Mindell, Your unique facilitator’s style (2019).
Mehr lesen auf dem Blog
→ Selbstpräsenz leben in unsicheren Zeiten
→ Selbstpräsenz: Was ist das (nicht)? Erfahre jetzt, warum du das als Prozessbegleiter:in brauchst
→ Was ist ein Bildschirm-Zombie und wie verscheuchst du diesen fiesen Atemräuber?
Selbstregulation
Selbstregulation ist die Fähigkeit, eigene innere Zustände wahrzunehmen und zu beeinflussen. Sie ist aber noch viel mehr als das, denn der Körper bringt und hält sich ständig im Gleichgewicht mit all seinen Funktionen, die für unser lebendiges Dasein nötig sind (Homöostase).
Atemtherapie ist ein praktisches Feld, um bewussten und direkten Zugang zur bewussten Selbstregulation zu erhalten, zu pflegen und zu erforschen. Der Atem ist eine Brücke zwischen den willentlich gesteuerten Funktionen und dem autonomen Vorgehen. Spannend wird es da, wo du erfährst, wie du die autonomen Funktionen unterstützen kannst, obwohl sie sich ja willentlich nicht steuern lassen (z.B. Verdauung).
Ein wichtiger Schlüssel dazu (auf der funktionalen Ebene) ist die Atembewegung und damit das Zwerchfell als Hauptatemmuskel. Ebenso empfehle ich alles, was in Form von kleinen oder intensiveren Unterbrüchen über die Körperempfindung oder über Atemübungen belebt oder beruhigt. Beides ist für dieses regulative System relevant. Wir sprechen nur meistens vom Beruhigen bzw. Entspannen, weil in der Wahrnehmung vieler Menschen genau das zu kurz kommt oder schwieriger erlebbar ist in der heutigen Zeit.
Quelle: Grundlagen der Komplementärtherapie; Ilse Middendorf, Der erfahrbare Atem (2007).
Zum Ausprobieren
→ Mikropausen online: Zufallsidee
→ Wechselatmung: Eine Atemübung, mit der du deine Nase befreist
→ Was ist Atemtherapie? Erfahre 5 lebensverändernde Fakten!
Traumkraft
Traumkraft ist die Prozessdynamik, die sich im sekundären Material zeigt. Es sind die «träumenden» Prozesse, die in deinem Leben unbewusst laufen und sich in wiederkehrenden Signalen bemerkbar machen.
Traumkraft zeigt im sekundären Material. Deshalb ist es ein Geschenk, in diesem die Kraft zu erforschen, anstatt sich nur immer zu ärgern oder zu hintersinnen. Traumkraft wird durch Selbstpräsenz erweckt. In diesem unvoreingenommen Kontakt zu sich mit dem, was gerade ist, liegt oft der Zugang zu neuer Erkenntnis und Veränderung.
Quelle: Prozessarbeit nach Arnold Mindell; vgl. Amy Mindell (2019, S. 52ff.).
Wuwei / Nicht-Handeln
Wuwei (Nicht-Handeln) ist eine daoistische Haltung des Nicht-Erzwingens, die dem natürlichen Verlauf eines Prozesses Raum gibt.
Der Wille ist bekanntlich der Feind des Atems. Wuwei heisst nicht Däumchen drehen, sondern Geschehenlassen im aufmerksam wohlwollenden Mitgehen mit dem, was sich zeigt: Verlangsamen, Zeitlupe, Warten. Bis der Atem von selbst wiederkommt, das auch bei der Prozessorientierten Arbeit mein Credo.
Quelle: Laozi, Dàodéjīng (Kap. 25)
Quellen
Zitierte Bücher und Artikel
📖 Jacobi, Jolande (2012): Die Psychologie von C. G. Jung: Eine Einführung in das Gesamtwerk. Ostfildern: Patmos Verlag.
📖 Laozi: Dàodéjīng, Kap. 25.
📖 Middendorf, Ilse (2007): Der Erfahrbare Atem. Eine Atemlehre. Paderborn: Junfermann.
📖 Mindell, Amy (2019): Your Unique Facilitator Style. Explore Your Special Gifts and Powers as a Facilitator, Teacher, Coach, and Helper. Columbus: Gatekeeper Press.
📖 Mindell, Arnold / Mindell, Amy (1997): Das Pferd rückwärts reiten. Prozessarbeit in Theorie und Praxis. Via Petersberg: Nova.
📖 Mindell, Arnold (1995): Der Leib und die Träume. Prozeßorientierte Psychologie in der Praxis. 5. Aufl. Paderborn: Junfermann.
📄 Organisation der Arbeitswelt Komplementärtherapie (OdA KT) (2025): Grundlagen der KomplementärTherapie. Online verfügbar unter www.oda-kt.ch [Stand: 4.6.2026].
📖 Rosenberg, Stanley (2021): Der Selbstheilungsnerv. So bringt der Vagus-Nerv Psyche und Körper ins Gleichgewicht. Kirchzarten bei Freiburg: VAK.
📖 Wagner, Susanne (2026): Beratungskonzept «Selbstpräsenz – Schlüsselkompetenz in der Prozessbegleitung».
📖 Wagner, Susanne (2024): → Was ist ein Bildschirm-Zombie und wie verscheuchst du diesen fiesen Atemräuber?
📖 Zanotta, Silvia (2026): Wieder ganz werden: Traumaheilung mit Ego-State-Therapie und Körperwissen (5., überarbeitete Aufl.). Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag.
Weitere Glossare und Sammlungen auf dem Blog
→ FAQ Prozessorientierte Beratung
→ Erfahrungen zu Scham als Ressource im Job – Zusammenfassung meiner Blogparade 2026
→ Glossar der Atemweisen: Die Kunst des Atmens – Sammlung von A bis Z
→ Glossar zum Gähnen • Diese 16 Begriffe jetzt verstehen
→ Lexikon des Nichtwissens: Abenteuer, Luxus oder Weisheit? Blogparade 2024
→ Time-out-Toolbox zur Blogparade #MeinePause 2025
Lese- und Hörempfehlungen im Internet
🎧 Ackermann, Theresa: Folgen 28-21 über das autonome Nervensystem. Ruhepol – Der Podcast für Menschlichkeit im Business. Online verfügbar unter https://ruhepol-podcast.podigee.io/ [Stand 1.11.2025].
🔗 Angerer Tschopp, Gertrud (2025): Glossar zur Polyvagaltheorie ↗️ [Stand 1.11.2025].
🔗 Hosang, Karl: Arnold Mindells originelles Facilitation-Glossar ↗️ [Stand 17.10.2026]
🔗 Über Arnold Mindell und die Prozessorientierte Psychologie:
→ Institut für Prozessarbeit, Schweiz: https://www.institut-prozessarbeit.ch/de/Methode/Methode-POP
→ ProcessMind Academy, Schweiz: https://processmindacademy.ch/prozessarbeit
→ Prozessarbeit international, spannende Videos und Hommage an Arnold Mindell (1940-2024) https://iapop.com/de/tribute-to-arnold-mindell/
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Das waren zehn Begriffe aus dem Fundament meiner prozessorientierten Beratung. Welcher Begriff fehlt dir? Wonach hast du vielleicht gesucht und es hier nicht gefunden?
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