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Leben ohne Sehsinn: Was ich in den letzten 20 Jahren von blinden Menschen lernen durfte

Leben ohne Sehsinn. Meine Learnings. Hintergrund doppelseitig gedrucktes Braille

Über 80 % der Informationen nimmt der Durchschnittsmensch über das Auge auf, gut 10 % über das Gehör und die drei «klassischen» Wahrnehmungskanäle Riechen, Tasten, Schmecken machen den verschwindend kleinen Rest für die Wahrnehmung aus. Wie lebt es sich ohne den Sehsinn? Was bedeutet «blind sein»?

Leben ohne Sehsinn: Wie geht das? Wer nichts sieht, orientiert sich zwangsläufig mit anderen Sinnen. In meinen über 20 Jahren als Übertragungsspezialistin Blindenschrift durfte ich darüber von und mit meinen blinden Arbeitskolleginnen und -kollegen und Freund:innen Überraschendes und Nützliches lernen, das ich hier aus meiner Erinnerung und meiner Wahrnehmung teile.

Leben ohne Sehsinn: Meine 40+ Learnings zum Blindsein, zu Braille und zur Welt im Dunkeln

  1. Wenn ein Ding nicht an seinem Platz ist, ist es verschwunden. «Aus den Augen, aus dem Sinn.» erhält eine lebenspraktische Bedeutung.
  2. Sensibilisiert für Plastik: «Fühlt sich grün an», sagte eine (sehende) Teilnehmerin im Sensibilisierungskurs beim Tastexperiment mit Augenbinde.
  3. Struktur ist wichtig für die Navigation in Dokumenten.
  4. Barrierefreie Webseiten sind nicht nur für blinde Nutzer:innen von Vorteil, sondern gefallen auch Suchmaschinen (Roboter lieben Struktur).
  5. Braillezeichen gibt es auch als Lego: LEGO® Braille Bricks
  6. «Die Blinden» gibt es nicht, so wenig wie es «die Chinesen» oder «die Bauern» gibt.
  7. Meine Arbeitskollegen ohne Sehsinn sagen: «Wir sehen uns in der Pause.» «Diesen Fehler habe ich nicht gesehen.» «Schau mal, …» Die Wörter sehen, schauen usw. vermeide ich nicht länger aus Rücksicht, sondern erkenne das Gewicht ihrer übertragenen Bedeutungen für treffen, bemerken, etc.
  8. Der Himmel ist auch für blinden Menschen blau, das Gras grün und die Liebe rot, wenn es um eine kulturelle Basis geht. Manche Blinde interessieren sich sehr für Farben, andere gar nicht. (vgl. 6.)
  9. Was bedeutet überhaupt «blind»? Es ist unklar, wie viele Menschen in der Schweiz mit einer Seheinschränkung bzw. Blindheit leben. Schätzungen zufolge sind es ca. 325’000-377’000, ca. 10’000 davon (voll-)blind. (gesundheitsoptik.ch, FAQ SBV)
  10. Der Sehresttest ist auch ein Sehtest.
  11. Taubblind bedeutet: Seh- und Höreinschränkung. Die wohl bekannteste (historische) Persönlichkeit ist Helen Keller.
  12. Ich selbst – stark kurzsichtig – bin per definitionem nicht sehbehindert.
  13. Der Ellbogen ist das ideale Führungsinstrument.
  14. Taktile Markierungen: Adidas-Streifen auf der Strasse: So findest du quer durch den Bahnhof oder die Tür beim Tram.
  15. Gurke oder Tomate im Salat? Ohne meine Augen bin ich mir da nicht sicher, stellte ich beim Essen Dunkelrestaurant Blinde Kuh fest.
  16. Ein Glas Wasser voll einschenken im Dunkeln ist kein Problem, wenn ich gut zuhöre.
  17. «Ich habe schon in jungen Jahren gelernt, Hilfe anzunehmen.», hat mir einer meiner Arbeitskollegen verraten. Viele Menschen lernen das erst bei Krankheit oder im Alter und kommen damit nicht gut zurecht.
  18. Bei einer Besprechung halte ich einen Notizzettel in der Hand. «Aha, du hast schlechte Laune.», sagt meine Chefin. Der Klang von Papier lügt nicht.
  19. «War XY hier?» Ja, vor zwei Stunden ist sie hier durchgegangen – in der Luft liegt der Duft offenbar immer noch.
  20. iPhones sind praktisch. Bei der Apfelschule gibt es Kurse von blinden Powernutzern.
  21. Speziell: Vierbeinige «Arbeitskollegen», die immer spielen wollen, meinen Papierkorb nach Essbarem durchsuchen und auf Kommandos wie dai, stacca und posto hören. [Gegenstand hergeben, pinkeln oder k…, ins Körbchen]
  22. Beliebte Berufe: Vor der Erfindung der Brailleschrift war für blinde Menschen der Zugang zu Bildung schwierig und sie schlugen sich als Korbflechter oder Masseure durch. Heute ist das zum Glück anders!
  23. Blinde Musiker mit Berühmtheitsfaktor: Stevie Wonder, Ray Charles, Andrea Bocelli u.v.m.
  24. Marburg in Deutschland ist die Stadt der Blinden: Fotostrecke auf spiegel.de.
  25. Musiknoten können auch in Blindenschrift geschrieben werden. (Ja – linearisiere mal eine Partitur oder ein Orgelwerk von Buxtehude!)
  26. Wie das wohl ist, nie die eigene Körperhaltung zu sehen? Nicht durch Zuschauen lernen zu können?
  27. Mehrere Personen im Gespräch: Wer nichts sagt, ist nicht anwesend. Wer nichts sieht, kann ausgeschlossen werden. Mit Blicken läuft eine ganz eigene Ebene der Kommunikation ab.
  28. Ohne Sehsinn leben: Wie orientiert man sich auf der Strasse, in einem Buch, im Internet – ganz ohne hinzuschauen? Antwort: Übers Gehör, über den Finger, über Hilfsmittel wie Braillezeile oder Sprachausgabe.
  29. Regen macht schlechte Laune. Denn: Regen behindert die eigene Mobilität, da es das räumliche Hören erschwert.
  30. Sechs geprägte Punkte, die untere eine Fingerbeere passen, ergeben 64 Kombinationsmöglichkeiten. Diese Zeichen sind die Grundlage für den Zugang zu Texten in allen möglichen Formen, z. B. Literatur, Kochen, Anleitungen, Lehrmaterialien etc.
  31. Im öffentlichen Raum, z. B. im Lift, sind oft Braillezeichen oder Reliefzahlen als Beschriftung vorhanden.
  32. Hören ist räumlich. Es gibt blinde Menschen, die sich anhand von Schnalzlauten orientieren. Wie das geht? Dan Kish ist blind und fährt Velo: Der Fledermausmann. Doku auf SRF. (Dauer 4 Min.)
  33. Sprich mit dem Menschen, nicht mit dem Hund. (Der Hund arbeitet wahrscheinlich gerade und sollte dabei nicht gestört werden. Übrigens: Der Hund ist nicht blind, auch wenn wir oft abgekürzt «Blindenhund» sagen!)
  34. Bevor ein Kind die Braillebuchstaben lernen kann, muss es sich das räumliche Vorstellungsvermögen der Sechserform erarbeiten.
  35. In Japan sind die Fingerbeeren des Durschnittsmenschen kleine. Also auch die Grösse der Braillzeichen.
  36. Am Fussgängerstreifen vibriert es bei grün. Frag, ob Hilfe gewünscht ist, bevor du jemanden über die Strasse schleppst.
  37. Chinesisch, Arabisch, Schach und Stricken, Physik und Chemie: Kann alles in Braille geschrieben werden. Eine erklärende Einleitung und ein Plädoyer für Braille als unverzichtbare Kulturtechnik gibt es im Artikel «Wie die Brailleschrift funktioniert».
  38. «Bilder» für Blinde heissen Reliefs. Es gibt verschiedene Herstellungsverfahren, z. B. das Aufschäumen durch Wärme, damit die Linien tastbar werden.
  39. Texte nur zu hören, reicht nicht. Es braucht die Blindenschrift als Kulturtechnik, sonst setzt der «Harz-IV»-Effekt ein. (Der Durchschnittszuhörer kann nicht wissen, dass es Hartz heissen sollte.)
  40. Handschrift geht in Braille spiegelverkehrt und wird mithilfe von Schreibtafel und Griffel ins Papier «gestanzt».
  41. Tandem fahren ist cool! Alleine Velofahren ist schwierig, es sei denn vgl. 32.)
  42. Computerbraille verwendet 8 Punkte.
  43. Heute schaue ich mir Video-Tutorials und Aufzeichnungen u. ä. nur noch in doppelter Geschwindigkeit an. 😁
  44. Ein Farberkennungsgerät ist zwar praktisch, kann sich aber irren.
  45. Deutsche Blindenschrift wird für gewöhnlich ohne Gross- und Kleinschreibung geschrieben: hey leute von duden, es geht trotzdem gut zum lesen, das ist kein problem!
  46. Seitdem Menschen immer älter werden, gibt es auch immer mehr blinde und sehbehinderte Zeitgenossen. Fortgeschrittenes Alter ist ein Risiko für Augenschwäche und -krankheiten.

Quellen

Einleitung

Die folgende Linksammlung ist nicht abschliessend oder umfassend und ich habe mich bei der Auswahl auf die Deutschschweiz beschränkt. Nutze für deine Fragen oder Ergänzungen die Kommentarfunktion.

Hier gibt es ein Lexikon mit Erklärungen zu wichtigsten Begriffen rund ums Thema «Ohne Sehsinn leben»: Das kleine Nachschlagewerk des SZBlind.

«Blinde» sind in erster Linie Mitmenschen. Jeder und jede von ihnen ist einzigartig in der eigenen Wahrnehmung und bezüglich Wünsche für Kommunikation und Umgang. Im Artikel «Umgang mit blinden oder Menschen mit einer Sehbehinderung» hat Siril Walliman (selbst sehbehindert) einige DOs and DON’Ts zusammengefasst.

Barrierefreiheit

«Barrierefrei» bedeutet in diesem Zusammenhang: Webseiten und digitale Medien sind so strukturiert und aufbereitet, dass sie für blinde oder sehbehinderte Nutzer:innen zugänglich und bedienbar sind. Häufig auch: Accessibility (Zugänglichkeit).

Verbände, Beratungs und Fachstellen in der Deutschschweiz

Regionale Beratugsstellen sind bei den Verbänden gelistet oder dein Augenarzt kann dir entsprechende Adressen vermitteln.

Blindenschrift / Louis Braille

Sport und Kultur

Viele Museen, Theater und Konzertveranstalter bieten spezielle Führungen/Einführungen an für blinde und sehbehinderte Besucher:innen. Erkundige dich am besten direkt bei den Verantwortlichen.

Bücher, Musiknoten und weitere Medien

Bücher und Musiknoten in Blindenschrift gibt es in der SBS Schweizerische Bibliothek für Blinde, Seh- und Lesebehinderte zum Ausleihen, Kaufen oder Wünschen.

Im Sortiment bei Print & Braille gibt es z. B. Klippklappbücher, bei denen das Originalbuch zum gemeinsamen Gebrauch (Blinde und sehende Leser:innen) zugänglich gemacht wird. Darüber habe ich einen eigenen Blogartikel verfasst. Jetzt lesen »

Ich könnte diese Liste endlos weiterführen … das lasse ich für den Moment bleiben 😉🥱. Schreibe deine Widerrede, Ergänzungen oder Geheimtipps gerne in einen Kommentar. Ich freue mich über dein Input!

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  • A
    Susanne von Atemhaus Wagner

    Danke, liebe Eveline, das freut mich! Vieles ist ja auch einfach aus meinem Erleben heraus beschrieben und wirkt für mich selbst so «normal». Erst mit dem Aufschreiben ist mir tatsächlich bewusst geworden, was meinen Alltag speziell macht. 🤗

  • Wow, liebe Susanne, das war sehr spannend und lehrreich, kurz und knackig! So vieles habe ich nicht gewusst oder war es mir nicht bewusst… Danke und herzliche Grüsse Eveline

    • A
      Susanne von Atemhaus Wagner

      Danke, liebe Eveline, das freut mich! Vieles ist ja auch einfach aus meinem Erleben heraus beschrieben und wirkt für mich selbst so «normal». Erst mit dem Aufschreiben ist mir tatsächlich bewusst geworden, was meinen Alltag speziell macht. 🤗

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