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Arbeitsbeispiel Workshop: «Jeden Tag atmen wir zigmal aus und ein und wissen nicht, was es eigentlich heisst, atmen zu können.»

Arbeitsbeispiel Workshop Atmen: Blockflöte und Noten des Liedes «Hört ihr die Drescher»

Eine alte Bekannte fragte Anfang Jahr, ob wir einen Workshop machen könnten. Ich sage ja und vor den Sommerferien fand ein Atemworkshop statt, bei dem ich fast 30 Personen über die Atmung informieren und bei Atemerfahrungen begleiten durfte. Die Atem-Interessierten sind Flötenspieler:innen und wendeten im 2. Teil des Workshops das neu Gelernte und Erfahrende sogleich mit Instrument an. Ein bewegter und klangvoller Nachmittag bereicherte uns alle.

Arbeitsbeispiel Workshop: Auch das gehört zum Praxisalltag einer Atemtherapeutin (und macht mir persönlich riesig Spass!). Deshalb teile ich hier einige Inhalte, erzähle von der Zusammenarbeit und wie die Teilnehmer:innen den Nachmittag erlebten. Du findest eine Anleitung zum Basteln eines einfachen, aber eindrücklichen Zwerchfellmodells, kannst mit uns im Sitzen spazierengehen und die beste Übung aus dem Workshop kennenlernen. Letztere wird deine Gedanken beim Abwaschen für immer verändern – Ganz egal, ob du selbst Flöte spielst oder nicht.

Vorgeschichte & Vorbereitung

«Ich freue mich riesig, dass wir miteinander ein kleines Projekt realisieren können.»

Initiatorin des Workshops

Im letzten Winter bekam ich einen Anruf von einer Kollegin, mit der ich jahrelang im selben Verein Blasmusik gespielt hatte. Sie ist langjährige Blockflötenlehrerin und leitet diverse Flötengruppen. Sie erzählte mir, dass ihr Flötengruppenteilnehmer sich wünschten, «es solle einmal eine Atemtherapeutin kommen und erklären, wie das mit dem Atmen genau geht.» Ihr fiel ein, dass sie ja eine Atemtherapeutin kannte – mich.

So entstand die Idee, einen gemeinsamen Workshop zu machen und wir blieben per Mail und Telefon in Kontakt, um die Rahmenbedingungen, Ziele und Inhalte des Workshops abzuklären. Es interessierten sich gegen 30 Teilnehmer:innen für die Veranstaltung, so traf ich im Frühling meine Kollegin vor Ort im zukünftigen Kursraum, um die letzten Absprachen zu treffen, das Detailprogramm zu besprechen und die Infrastruktur anzuschauen.

Durchführung & Highlights der Inhalte

1. Block: Atem im Alltag

Vor den Sommerferien war es dann so weit: an einem heissen, sonnigen Julinachmittag traf ich auf die gegen 30 Atem-interessierten Flötenspieler:innen. Meine Kollegin und ich führten gemeinsam durch den Nachmittag. Es war eine Mischung von Input, Anleitung mit praktischer Umsetzung und dem Austausch im Plenum oder in kleineren Runden, damit alle zum Zug kamen.

Für das Programm hatten wir uns entschieden, uns zuerst mit dem «Alltagsatem» zu befassen und nach der Pause, im zweiten Block, mit den Flöten in der Hand und an den Lippen das neu erfahrene Atemwissen praktisch umzusetzen.

Funktionsfähige Zwerchfellmodelle, gebastelt aus dem Oberteil einer Petflasche und zwei Ballonen, einen für die Lunge, einen fürs Zwerchfell.

Das einfache Modell zeigt, wie mit dem Anspannen des Zwerchfells (z. B. Ziehen am gelben Ballon) ein Unterdruck entsteht, durch den Luft in die Lunge (herzförmige Ballone im Innern der Petflasche) gesaugt wird. Der Lungen«ballon» füllt sich mit Luft. So funktioniert unsere Atmung: Dank Hauptatemmuskel Zwerchfell!

Zum Einstieg verteilte ich ein paar Zwerchfellmodelle und lud die Teilnehmer:innen zum Forschen am Gegenstand ein:

  • Was stellt das dar?
  • Wie funktioniert es?
  • Was hat es mit dir zu tun?

Anschliessend widmeten wir uns unserer eigenen Atemmechanik und erlebten über die Körperempfindung Atembewegung. Eine wunderbare Gelegenheit für mich, ein paar wichtige Informationen über den Atem und die Atmung an die Frauen und die Männer zu bringen. Zum Beispiel, was den Atem bei seiner Arbeit stören kann: Von der Schwerkraft über die eigene Befindlichkeit bis zu verspannten Muskeln.

Das hängt natürlich alles zusammen: Beim gemeinsamen Üben durften wir erleben, wie der Atem im Sitzen aufrichtete, wie das Bewegen der Füsse und Beine den Kontakt zu Boden verdeutlichte und das Spannen und Lösen des Zwerchfells von Lachen unterstützt wurde.

Pause

Bei erfrischenden Getränken und Knabbereien ganz nach süssem oder salzigem Geschmack gab es Gelegenheit, die neuen Erfahrungen weiter auszutauschen. Auf dem von mir vorbereiteten Büchertisch fanden die Teilnehmer:innen Ansichtsexemplare und Diverses zum Mitnehmen.

Ganz besonders gefreut hat mich eine zufällige Begegnung in der Pause: Eine Teilnehmerin kam auf mich zu und fragte, ob ich an der KZU in die Schule gegangen sei. Richtig! Vom Namen her konnte sie sich an mich erinnern – ich hatte mich während meiner Jahre am Gymnasium in den 90er-Jahren quer durch die Schulbibliothek gelesen und das war der Bibliotheksleitung nicht entgangen 😉.

Blockflöte und Noten zum Lied Hört ihr die Drescher

2. Block: Atem beim Flötenspiel

Flöte habe ich selbst seit meiner Primarschulzeit nicht mehr gespielt. Ich brachte mein Alphornmundstück mit, damit ich auch ein Holzteil zum Reinblasen hatte. Teilnehmer:innen hatten ihre Flöten mitgebracht: Eine ganze Flötenfamilie durch alle Register war versammelt, von Bass über Tenor und Alt bis Sopran.

Die Teilnehmer:innen waren im Voraus aufgefordert, je zwei Abwaschschwämmli mitzubringen. Wofür wir die wohl brauchen würden? Eine Teilnehmerin war der Sache schon im Voraus auf die Spur gekommen: Ja genau! Wir platzierten die Schwämmli in unserer Achselhöhle und forschten, was das an der Sitzhaltung verändert.

  • Die Schultern werden entlastet.
  • Der Brustraum öffnet sich.
  • Es wird leichter, die Flöte zu halten.

Wie wir im ersten Block gelernt hatten, gibt es immer wieder Umstände, die den Atem bei seiner natürlich gesunden Arbeit stören: Schwerkraft, Befindlichkeit und verspannte Muskeln, um es kurz zu sagen. Beim Flötenspielen kann allein schon das Halten der Flöte so eine «Störung» verursachen. Zusätzlich ist da vielleicht in der Flötenstunde die Anspannung, ob man das Geübte genauso gut wie zu Hause hinkriegt, vom Auftrittsstress bei einer Aufführung gar nicht zu reden! Die Anspannung der Muskeln, vor allem beim Nacken, Schultern und den Armen behindern aber eben auch den Atemfluss … ein Teufelskreis kann sehr schnell entstehen.

Der kleine Teufelskreis kann aber ebenso rassig wieder aufgelöst werden, denn die Teilnehmer:innen wissen nun und haben erfahren:

  • Körpergerechtes Sitzen und Stehen entlastet den Oberkörper und fördert den Atemfluss.
  • Bewegung hilft, im Fluss zu bleiben.
  • Die Freude ist das Wichtigste!

Mit dem Kanon «Hört ihr die Drescher» probierten die Teilnehmer:innen aus, wie sich das Spielen im Sitzen, Stehen und Gehen unterscheidet.

  • Wie unterstützt das Aufstehen und Absitzen während des Spiels im Atemfluss?
  • Was machen die Schwämmli in den Achselhöhlen für einen Unterschied?
  • Wie verändert sich das Halten des Instruments und die Bewegungsfreiheit der Arme und Finger?
Atemübungen. Mikropausen •

Die Teilnehmer:innen bemerken: Sobald die Schultern sich auf den Brustkorb absenken dürfen, wird alles leichter und müheloser. Der Atem fliesst, das Spiel macht Spass und geht wie von selbst.

Fazit & Teilnehmer:innen-Stimmen

«Wir konnten viel erfahren und lernen über unsere Atmung. Jeden Tag atmen wir zigmal aus und ein und wissen nicht, was es eigentlich heisst atmen zu können.»

Teilnehmerin des Atemworkshops

So haben an diesem heissen, sommerlichen Nachmittag die Flötenspieler:innen für sich geerntet und sind am Ende des Workshops mit neuen Ideen fürs Spielen, Üben und Atmen in die Sommerferien aufgebrochen.

Ich selbst habe mich sehr gefreut über den aktiven, austauschreichen und klangvollen Nachmittag, den ich mit so einer grossen Gruppe verbringen durfte.

Ich hatte den Teilnehmer:innen zwei Handouts mitgebracht:

  • Wissenswertes zum Atem: Was Atem ist, wie er funktioniert und was er für den Menschen bedeutet. Mit Informationen zu den erarbeiteten Übungen und Kurzanleitungen.
  • Praktische Informationen und Anleitungen zum körpergerechten Sitzen, Stehen und Gehen und Informationen zur Atemlehre von Ilse Middendorf.

Anleitungen

Zwerchfell-Modell basteln

Du möchtest anhand eines Modells sehen, wie die Atmung funktioniert und wie die Luft von selbst in die Lunge kommt? Lies im Artikel Zwerchfell: Hauptatemmuskel, Atembewegung und paradoxe Atmung inkl. Bastel-Anleitung bewegliches Zwerchfell-Modell weiter und bastle ein einfaches Modell.

Was ist das Zwerchfell? Titelgrafik, Notebook mit Titel auf Screen, Hintergrund: zerknülltes Papier
Zwerchfell-Modell basteln und Atmungsvorgang verstehen

Sitzbeinspaziergang

Du brauchst eine gerade, harte Sitzfläche in einer Höhe, bei der deine grossen Gelenke im Sitzen etwa in einem 90-Gradwinkel sind. Nutze evtl. ein Kissen, sollten dir die Knochen weh tun.

  1. Leg die Füsse komplett auf dem Boden ab und setz dich so weit vorne hin, dass deine Oberschenkel Bewegungsfreiheit haben. Spürst du deine Sitzknochen? Knöcherne Höcker am unteren Ende deines Beckens, auch Sitzbeine genannt. Die Handflächen kannst du auf den Oberschenkeln ablegen.
  2. Verlagere dein Gewicht abwechslungsweise auf den rechten und das linke und das rechte Sitzbein und «gehe» auf dem Hocker auf deinen Sitzbeinen nach hinten. Die Füsse bleiben auf dem Boden. Komm wieder zurück an die Vorderkante, mach das ein paar Mal. Der Atem darf fliessen.
  3. Nimm dir einen Moment Zeit, dieser Aktivität nachzuspüren: Wie sitzt du jetzt da? Was bewegt sich in dir? Wie geht es dir mit dieser Erfahrung?

Die Schwämmli-Übung

Die Idee zu dieser Übung stammt aus dem Buch Höhenflüge mit Bodenhaftung von Regula Schwarzenbach. Hier mein Anleitungsvorschlag, wie er sich im Workshop bewährt hat:

Variante ohne Flöte

  1. Leg die Schwämmli in deine Achselhöhlen. Lass dir einen Moment Zeit, um neu im Sitzen oder Stehen anzukommen.
  2. Beobachte, was mit deiner Haltung und deinem Atemfluss passiert. Wie nimmst du deine Schultern und Arme wahr?
  3. Entferne die Schwämmli. Gib dir nun ein paar Atemzüge lang Zeit, festzustellen, was sich für dich verändert hat. Wie sitzt du jetzt? Wie stehst du jetzt? Wie bewegt dich dein Atem? Was spürst du dort, wo die Schwämmli waren?

Variante mit Flöte

  1. Leg die Schwämmli in deine Achselhöhlen und nimmt deine Flöte in die Hände. Lass dir einen Moment Zeit, um neu im Sitzen oder Stehen anzukommen.
  2. Beobachte, was mit deiner Haltung und deinem Atemfluss passiert. Wie nimmst du deine Schultern und Arme wahr? Spiele/Übe eine Weile.
  3. Entferne die Schwämmli. Spiele nochmals ein paar Töne. Was gibt es für dich für Unterschiede? Ohne Schwämmli spielen, mit den Schwämmli spielen, nachdem du die Schwämmli entfernt hast? Schwämmli waren?

Sobald du diese Übung ein paar Mal gemacht hast, reicht vielleicht schon ein «imaginäres Schwämmli». Probier aus, wie du dich und deinen Atemfluss selbst am Besten unterstützen kannst. Schreib in den Kommentar unter diesem Artikel, wenn du Input dazu hast oder erzähle uns gerne, was dein bester Tipp ist, um beim (Flöten-)Spielen locker im Fluss zu bleiben.

Wecke deinen Atemsinn
mit einer Zufallsmikropause 🥱

  • Erlebe dich ⏳ in einer Minute zwischendurch
    • als ganzer Mensch
    • immer wieder neu
    • mit allen Sinnen

    … damit es dir gut geht vor dem Bildschirm 👣

Hier entlang zum Mikropausengenerator

Quellen

Höller-Zangenfeind, Maria (2007): Stimme von Fuß bis Kopf. Ein Lehr- und Übungsbuch für Atmung und Stimme nach der Methode Atem-Tonus-Ton. 5. Aufl. Innsbruck: StudienVerlag

Middendorf, Ilse (2007): Der Erfahrbare Atem. Eine Atemlehre. Paderborn: Junfermann

Middendorf, Ilse (1995): Der Atem und seine Bedeutung für den Menschen (überarbeitete Auflage). Berlin

Schwarzenbach, Regula und Letizia Fiorenza (2007): Höhenflüge mit Bodenhaftung. Die Methode Atem-Tonus-Ton für Flötistinnen und Flötisten. Ein Übungsbuch für Neugierige. Frankfurt am Main: Musikverlag Zimmermann

Schwarzenbach, Regula (2017): Höhenflüge mit Bodenhaftung 2. Die Methode Atem-Tonus-Ton® in der Praxis mit Blasinstrumenten. Mainz: Musikverlag Zimmermann

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