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Rechtschreibung im Dunkeln: 10 Fakten zur deutschen Blindenschrift [Blogparade #Recht­schreibung­und­ich]

Titelgrafik Beitragsbild: Auszug Kürzungsliste aus der Braille-Systematik. Titel: Blogparade #rechtschreibungundich. Rechtschreibung im Dunkeln: 10 Fakten zur Brailleschrift

Kerstin Salvador ist Lektorin, Autorin und Übersetzerin. Ihre Blogparade «Rechtschreibung und ich – (k)eine Liebesgeschichte» hat sie um eine Woche verlängert. Mein Glück! Danke Kerstin! So mache ich im letzten Moment auch noch mit. Dies ist mein 11. und letzter Beitrag zum Blogparaden-Herbst in der TCS.

Als Übertragungsspezialistin Blindenschrift befasse ich mich seit über 20 Jahren nicht nur mit Rechtschreibung, sondern auch mit der korrekten Schreibweise in Braille/Punktschrift. Hier erfährst du, wie wir in der Schweiz die deutsche Blindenschrift richtig schreiben und ich erzähle, warum mich das Thema auch nach so vielen Jahren immer noch und immer wieder fasziniert.

Über Recht- und Falschschreibung kann ich mich wirklich amüsieren. Auch über die Vorschläge von Korrekturprogrammen. Oft passiert es mir, dass ich in meinem eigenen Namen einen Buchstabendreher drin habe (meistens merke ich es, glaube ich zumindest 😄). Sollte eine Nachricht an dich mit Susnane unterzeichnet sein, weißt du jetzt, wie das kommt. Der Korrekturvorschlag für Susanne ist übrigens sausage, wenn Thunderbird mein Englisch verbessern will. In Texten aus meiner Kindheit habe ich fantasievolle Schreibweisen gefunden, z. B.: überhaubt und Wiederstand.

Dank Orthografie habe ich auch schon mal eine Wette gewonnen: Silvester oder Sylvester? Ja, es gibt beides, aber letzteres ist eine Comic-Katze und nicht 31. Dezember, um den es ging. In der Schweiz verwenden wir übrigens kein Eszett – schliesslich geniessen wir in Massen – LanguageTool unterstreicht in meinem Artikelentwurf gewissenhaft alle potenziell falschen Wörter … rot rot rot! Deutsch funktioniert nicht nur ohne scharfes S, es geht sogar ohne Grossschreibung, wie dir die Fakten zur deutschen Blindenschrift zeigen werden.

Eines meiner ständigen Lebensrätsel: Was hier ganz falsch ist, ist dort genau richtig. Korrekt ist also, sich nie einfach sicher zu sein, sondern sorgfältig zu prüfen, ob es wirklich stimmt. Kaffe ist auf Deutsch falsch geschrieben, auf Schwedisch richtig. Wo Paprika draufsteht, ist oft Peperoni drin (nicht gut für meinen Magen). Rechtschreibung geht für mich deshalb weit über das korrekte Aneinanderreihen von Buchstaben hinaus.

Erstaunlich viele Menschen sind originell, aber nur bei der Rechtschreibung.

Georg Thomalla

In der deutschen Blindenschrift mit Rechtschreibung punkten

  1. die deutsche blindenschrift wird normalerweise ohne grossschreibung notiert. daran gewöhnt man sich schnell. es gibt wenige ausnahmen:
  2. höflichkeitsformen (mögen Sie bohnen? aber auch Seine majestät); abkürzungen mit grossbuchstaben (USA, GmbH, T-shirt) und Texte in Sprachlehrbüchern oder für Schüler:innen.
  3. Das aktuelle gültige Regelwerk für die deutsche Blindenschrift ist Das System der deutschen Blindenschrift von 2015, die «Marburger Systematik», mit knapp 300 Seiten Orientierung anhand von Regeln, Ausnahmen und Beispielen. In der Schweiz wird die Systematik von der SBS Schweizerische Bibliothek für Blinde, Seh- und Lesebehinderte mit eigenen Ergänzungen und Auslegungen angewendet.
  4. Für alle nötigen Zeichen stehen lediglich 64 Braillezeichen zur Verfügung. Alle Informationen müssen linearisiert werden. Zeichen sind mit Mehrfachbedeutungen belegt und haben deshalb in verschiedenen Codes (oder Sprachen) unterschiedliche Bedeutungen.
  5. In der deutschen Blindenschrift gibt es die Basisschrift, die Vollschrift und die Kurzschrift: «Zweck der Kurzschrift ist es, die Lese- und Schreibgeschwindigkeit zu erhöhen. Gleichzeitig wird das Volumen von Brailleschrifterzeugnissen um etwa ein Drittel verringert.» (Marburger Systematik, S. 93). Zudem gibt es fachspezifische Codes z. B. für Mathematik, Schach oder Stricken.
  6. Die Brailleschrift für Musiknoten ist die einzige Blindenschriftnotation, die über Sprachgrenzen hinaus geregelt und lesbar ist. Eine internationale Systematik regelt die Standards zur Umsetzung von Musiknoten in Braille.
  7. Beim Zugänglichmachen von Texten bedingt die Umsetzung in Braille ein neues Layout: Das erfordert je nach Vorlage das Weglassen von visuellen Inhalten und/oder das Hinzufügen von braillespezifischen Zusatzinformationen.
  8. Bei Worttrennungen ist für Blindenschrift alles erlaubt, was duden.de als korrekt definiert. Unschöne Trennungen sorgten oft für heisse Köpfe bei uns Übertrager:innen. Mit den Jahren ist die Schmerzgrenze gesunken und wir beschränken uns heute auf die Korrektur bei Fällen wie Urin-stinkt und die Morder-mittlungen.
  9. Über allen Regeln steht die Lesbarkeit für den Finger: Das ist ein Spagat zwischen persönlichen Vorlieben, der individuellen Lesekompetenz und der Erfahrung der Übertragungsspezialisten.
  10. Die Kulturtechnik des Lesens (und Schreibens) ist auch für blinde und sehbehinderte Menschen so fundamental wichtig, weil über das reine Hören von Sprache die korrekte Schreibweise nicht gelernt und gepflegt werden kann: Was gleich klingt, wird nicht unbedingt gleich geschrieben, vgl. Herz/Hertz, mahlen/malen oder Mine/Miene.

Brailleschrift und ihre Umsetzung für verschiedenste Textsorten, Codes und Sprachen hat mir vor über 20 Jahren den Ärmel reingezogen und ich bin süchtig danach. Oft stosse ich auf Probleme, die ausserhalb der Braille-Bubble nicht nachvollziehbar sind: Braucht es da den Punkt 6? Muss man das auflösen? Welche Information ist zentral und was ist visuelles Beiwerk, das bloss den Lesefluss hindert und deshalb weggelassen werden soll? Auf solche Fragen gibt es oft mehr als eine Antwort oder: «Es kommt drauf an.» Genau mein Ding 😉 Trotz mancher Spielräume gibt es einen Fehlerkonsens, an dem wir uns orientieren – zum Glück – das Rad immer wieder neu zu erfinden bräuchte zu viele Ressourcen. Zeit und Gehirnschmalz investieren wir besser in die Brailleübertragungen an sich, die kosten- und zeitintensiv sind, besonders bei komplexen Vorlagen.

Als Übertragungsspezialistin Blindenschrift bin ich eine Fachidiotin, eine «Tüpflischisserin» [«Punktekackerin», Pedantin], immer auf der Jagd nach Fehlern. Am Ende des Tages muss ich damit leben, dass ich längst nicht alle Fehler ausmerzen konnte. Ich muss Verantwortung übernehmen dafür, dass ich beim Übertragen in Blindenschrift vielleicht sogar neue Fehler kreiert habe. Die Rechtschreibung und korrekte Schreibweise in Braille und ich – ja, eine Liebesgeschichte! – fesselnd und aufreibend kompliziert, gerade richtig für mich als Linguistin. Zum Glück kann ich bei meinem zweiten Standbein als Atemtherapeutin wieder Ruhe finden und die pingelige Fehlersuche pausieren 😉.

Jetzt bist du dran!

Hast du Fragen zur Brailleschrift oder eine Ergänzung zu meinen 10 ausgewählten Fakten? Welche Rechtschreibfehler passieren dir immer wieder oder haben dein Leben geprägt? Gibt es absolute Kategorien von richtig und falsch in deinen Augen? Wie viel Rechtschreibung braucht der Mensch? Kommentiere unten an der Seite und lass uns wissen, welcher Punkt aus den 10 Fakten zur Brailleschrift dich am meisten überrascht.

Hast du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie das Leben im Dunkeln funktioniert? Lies weiter im Artikel Leben ohne Sehsinn: Was ich in den letzten 20 Jahren von blinden Menschen lernen durfte oder schmökere in meinen Buchtipps mit Inklusions-Faktor: Klippklapp und Klassiker: 10 Print & Braille-Kinderbücher, die auch Erwachsenen Spass machen [Blogparade #StarkeSprache].

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  • Erlebe dich ⏳ in einer Minute zwischendurch
    • als ganzer Mensch
    • immer wieder neu
    • mit allen Sinnen

    … damit es dir gut geht vor dem Bildschirm 👣

Hier entlang zum Mikropausengenerator
  • Liebe Susanne, vielen Dank für deinen super spannenden Beitrag zu meiner Blogparade, mit einem ganz neuen Aspekt, warum Rechtschreibung in Texten wichtig ist. Danke für den Einblick in deine Arbeit als Übertragungsspezialistin in die Brailleschrift. Damit kannst du echt punkten! Hab durch deinen Artikel viel gelernt.

    • A
      Susanne von Atemhaus Wagner

      Liebe Kerstin, diesen Beitrag habe ich besonders gern geschrieben und es freut mich, wenn dadurch ein wenig Bewusstsein entsteht, wie Rechtschreibung wirkt und was sie je nach Kontext bedeutet. Danke für dein Blogparadenthema, das war zuerst keine Liebe auf den ersten Blick für mich – indem ich das Thema ganz persönlich gestalten konnte, gab’s dann trotzdem ein Happy End. 😉 Gruss Susanne

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