Richtig­­­mache­­ri­­t­is beim Atmen: Lass dich vom Trend zum Guru-Atem nicht stressen

Selfie-Porträt Susanne in schwarzweiss mit Titel: Guru-Atem für jede:n?!

Richtigmacheritis beim Atmen: Das Interesse am Guru-Atem – der willentlich geführten und perfekt richtig eingesetzten Atmung – ist gross. Mit dem Suchwort «richtig atmen» werden mir über 70’000 Videos auf YouTube angezeigt. Warum richtig atmen? Weil es gesünder ist, das weiss mittlerweile jede:r! Suche ich auf Englisch nach gesund atmen «healthy breathing», erhalte ich 144 Millionen Ergebnisse. Hilfe! Wie soll der Mensch bei dieser Fülle von Atemtechniken, Atemweisen und Anleitungen beim Atmen alles richtig machen?

Wer nach «richtig atmen» sucht, wünscht sich Informationen und Anleitung zur gesunden oder situativ besten Atemweise. Fast 3 Millionen Ergebnisse gibt’s bei der Googlesuche nach «Guru Atem». Mithilfe des passenden Atemgurus kann ich es endlich richtig machen. Die Erwartung: Wenn ich den Atem gezielt kontrolliere und führe, habe ich meine Gesundheit, mein Wohlbefinden und meine Zufriedenheit selbst in der Hand. So kann ich z. B. besser performen beim Sport, gut schlafen, mein Immunsystem stärken, meine Nase frei kriegen, Verspannungen lösen, abends Stress abbauen, Schmerzen lindern, lauter Alphorn spielen, klangvoller singen oder überzeugendere Präsentationen halten. Die Liste ist ebenso lang und vielfältig wie das Leben selbst und der Atem kann das alles – vorausgesetzt, ich atme richtig?

Richtigmacheritis schafft Sehnsucht nach Guru-Atem

Guru-Atem – was ist das? Das Atmen ist bewusst kontrolliert und willentlich gelenkt, um bestimmte Ziele zu erreichen oder Resultate zu bekommen für Körper, Seele oder Geist. Wenn ich es nur genau richtig mache, dann erhalte ich das gewünschte Resultat! Dabei gibt mir eine Technik oder eine Person vor, was ich dafür tun soll. Die Orientierung dazu kommt von aussen, z. B. mit Zählen, nachmachen, im Rhythmus eines Musikstücks mitgehen oder die anleitende Person imitieren. Beim Guru-Atem wird die Atembewegung von mir selbst willentlich geführt. Ich passe mich an von aussen kommende Anleitung oder Impulse an und stimme bewusst z. B. die Dauer der einzelnen Atemphasen, das absichtliche Atemanhalten, die Intensität der Zwerchfellbewegung, die Ausbreitung der Atemdruckwelle im Körper oder die wiederkehrenden Rhythmen darauf ab.

Skizze Nase, Scrabble-Buchstaben GURU ATEM

Die Rolle des Gurus, der Gurvi

Um es richtig zu machen, suche ich mir also genau die Person, die mir zeigen kann, wie es richtig geht. Das bitte möglichst schnell und einfach – also google ich mal oder suche ein YouTube-Video heraus. Beim Guru-Atem gibt es immer den Guru (oder die Gurvi!): Diese eine Person, die es bereits besser weiss oder kann, und dazu anleitet, es gleichzutun. Dagegen ist nichts einzuwenden: So funktioniert Lernen – durch Imitation und selbst ausprobieren. Heikel wird es für mich dann (und störend Guru-mässig), wenn es zwar heisst «Mach so, wie es für dich richtig ist», es aber gleichzeitig offensichtlich ein «richtigeres richtig» gibt, wie die Technik im jeweiligen Guriversum (Guru-Universum) angewendet wird. Was aber, wenn jede:r etwas anderes erzählt, was eben richtig ist? Wem soll ich glauben? Wo soll ich mich orientieren? Welches richtig ist richtig für die Richtigatmerei und welche Nebenwirkungen hat Richtigatmeritis?

Was ist der Schlüssel zum richtigen Atem?

Für mich persönlich ist die Antwort einfach: Ich glaube dem, was ich selbst erlebe. Ich orientiere mich an meinem eigenen Atem: wie der Einatem einströmt, der Ausatem ausströmt und an der Phase des Wartens, bis der neue Einatem von selbst wiederkommt. Das braucht ein bisschen Übung, das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung und einen wachen, aufmerksamen Atemsinn. Es ist auch die Herangehensweise, die ich dir als Atemtherapeutin in meiner Praxis vermitteln kann. Genau: Auf der Grundlage des Atemschlüssels von Ilse Middendorf.

Ich lebe frei nach dem Motto «Werde dein eigener Atem-Guru.» Das Bedürfnis des Menschen nach Anleitung zum richtigen Atmen ist – wie ich im Netz beobachte – für unterschiedliche Lebensbereiche geweckt: Da der Atem mit allen wichtigen Lebensfunktionen vernetzt ist, gibt die Arbeit mit dem Atem auch für alle Themen des menschlichen Daseins etwas her. Egal, ob du Apnoetauchen willst, bald dein Kind zur Welt bringst oder unter Asthma leidest – die passende Anleitung zum richtigen Atmen ist dir wichtig. Stresst dich die Richtigmacheritis beim Atmen? Hast du bereits jemanden gefunden, der/die es dir genau richtig vormacht?

Bei Google gibt es zu «Guru Atem» fast 3 Millionen Ergebnisse und für «guru breath» sind es über 10x mehr: über 34 Millionen! Alle wollen ihren perfekten Guru finden und die richtige Anleitung bekommen und umsetzen. Das verstehe ich gut. Wünsche ich mir oft auch, selbst als Atemtherapeutin. Spricht auch nichts dagegen, solange es dir dabei gutgeht. Trotzdem lade ich dich hier ein, den Guru-Atem, der willentlich geführt und fremdbestimmt ist, näher unter die Lupe zu nehmen und zu schauen, was für dich die Chancen und Risiken sind. Ich rate dir nur: Sei dir bewusst, wem du deinen Atem zur Führung an die Hand gibst. Schliesslich ist er dein Lebenshauch!

Beispiele für den willentlich geführten Atem

Die Anwendung des willentlich geführten Atems ist weit verbreitet und wird seit Jahrtausenden erfolgreich praktiziert. Wahnsinn, was der Atem alles kann, wenn er als Werkzeug eingesetzt wird. Übrigens: Auch wenn es Methode heisst, ist die Arbeitsweise oft eine Technik! Bekannte Beispiele sind:

  • Mit Pranayama-Übungen werden seit Tausenden von Jahren im Yoga die Energie gesteigert und die Klarheit des Geistes gefördert.
  • Bei der Zen-Atmung aus dem Zen-Buddhismus dient die Atemkontrolle dazu, die Achtsamkeit zu erhöhen und den Geist zu beruhigen.
  • Holotropes Atmen wird dafür eingesetzt, um veränderte Bewusstseinszustände zu erreichen.
  • Die Wim Hof Methode verwendet Atemtechnik kombiniert mit Kälteexposition, um das Immunsystem zu stärken und die körperliche Leistungsfähigkeit zu steigern.
  • Mit der Buteyko-Methode wird weniger geatmet, um das Atemverhalten zu normalisieren und weniger zu hyperventilieren.

Richtigmacheritis und Guru-Atem: Chancen und Risiken der willentlich geführten Atmung

Den Atem haben wir immer dabei, deshalb ist es das ideale Instrument, wenn es darum geht, schnell und zielgerichtet etwas zu verändern. Der Atem ist die einzige Körperfunktion, die sowohl bewusst als auch unbewusst gesteuert wird und hat damit eine Brückenfunktion zwischen Körper, Seele und Geist. Mit dem willentlich geführten Atem kann ich das in einem bestimmten Moment für mich nutzen und mich z. B. mittels Atemtechnik beruhigen. Es wirkt, solange ich willentlich dabei bin und die Technik anwende.

Chancen

Die Chancen sind alles Wirkungsweisen, die wir ohnehin dem natürlich gesunden, normalerweise unbewusst ablaufenden Atem zu verdanken haben. Mit einer willentlich geführten Guru-Atmung stellen wir sie uns selbst schnell und zielgerichtet genau in dem Moment zur Verfügung.

  • Stressabbau: Atemtechniken bauen Stress ab und fördern die Entspannung, weil sich das Nervensystem beruhigt und in den parasympathischen Modus wechselt.
  • Bessere Konzentration: Der geführte Atem hilft, störende Gedanken auszublenden und den Geist zu fokussieren. Das verbessert die Konzentrationsfähigkeit.
  • Umgang mit Gefühlen: Der gelenkte Guru-Atem unterstützt die emotionale Selbstregulation, beruhigt und fördert positive Gefühle.
  • Spirituelles Wachstum: Der willentlich geführte Atem gemäss einer bestimmten Atemtechnik bringt eine tiefere Verbindung zum inneren Selbst oder höheren Bewusstsein.

Risiken

Der Guru-Atem birgt Risiken. Die willentliche Führung kann Wirkungen entfalten, die im Do-it-yourself zur Herausforderung werden können, besonders dann, wenn die eigene Wahrnehmung nicht genügend mit einbezogen ist und das Erreichen von fremden Zielen im Vordergrund steht. Und natürlich, wenn die Richtigmacheritis beim Atmen Stress verursacht und verunsichert.

  • Atemprobleme: Da beim Guru-Atem keine innere Orientierung stattfindet, geschieht das Üben oft nicht im eigenen, zuträglichen Mass, Rhythmus und Tempo. Schlimmstenfalls bewirkt das Üben eine Belastung oder Deregulierung, anstatt der gewünschten Regulierung des Systems als ganzer Mensch.
  • Hyperventilation: Unkontrolliertes und zu schnelles Atmen begünstigt Hyperventilation. Diese kann zu Schwindel, Benommenheit und Unwohlsein führen und Ängste auslösen bzw. auch angst-bedingt auftreten.
  • Abhängigkeit: Beim Guru-Atem besteht die Gefahr, dass Menschen abhängig werden von der Technik oder der Person, die sie anleitet und das Vertrauen in ihre eigene Wahrnehmung verlieren, was ihnen guttut und wie sie die Welt erleben.
  • Psychische Belastung: Bei extremen Atemtechniken oder unter speziellen Umständen kann die bewusste Manipulation des Atems zu psychischer Belastung führen. Der Mensch setzt sich zu sehr selbst unter Druck, der nicht mehr (genügend) abgebaut werden kann.

Guru-Atem und Richtigatmeritis: Mein Standpunkt als Atemtherapeutin

Die Komplementärtherapie, zu der meine Methode der Atemtherapie in der Schweiz gehört, orientiert sich am humanistischen Menschenbild und geht von einem Sowohl-als-auch aus (im Gegensatz zu einem Entweder-Oder. Die absolute Richtigmacheritis ist da also fehl am Platz, weil unterschiedliche Herangehensweisen und Atemweisen sowieso ihren Platz nebeneinander haben, auf Augenhöhe sozusagen.

Ich habe dein Eindruck, dass viele Menschen den Guru-Atem i.S.v. Atemtechniken, die den Atem willentlich geführt nutzen als positiv und verlässlich erleben. Die Anwendung ist klar und gut umsetzbar und schnell direkt wirksam in der jeweiligen Lebenssituation.

Das ist wunderbar! Die positiv und stärkend erfahrenen Wirkungen sind aber meiner Meinung nicht der Atemtechnik selbst geschuldet, sondern der Wirkweise des Atems in seiner natürlich gesunden Funktion als Regulator und harmonisierende Kraft. Die Technik kann bei der individuellen Umsetzung unterstützen – das ist ein wichtiger Aspekt für den Alltag.

Beispiel aus der Praxis

Um sich zu beruhigen, nutzt Frau Meier die «4-7-11 Atemtechnik». Sie zählt beim Einatmen auf vier, beim Ausatmen auf sieben und macht das elfmal hintereinander. Fühlt sich danach schon viel ruhiger. Wunderbar!

Als Atemtherapeutin kann ich dir verraten: Wenn sich dein Ausatem verlängert, spricht das den parasympathischen Ast deines Nervensystems an und reguliert das System in Richtung Ruhe. Deshalb funktioniert 4-7-11 so gut. Das Zählen macht die Übung einfach in der Anwendung und zähmt den unruhig umherirrenden Geist.

Solange du willentlich dabei bist, passiert das. Atembewusst aktiv. Nun, da du weisst, warum das funktioniert, versuche mal, bewusst dabei zu sein ohne willentlich zu steuern. Zählen kannst du trotzdem: Wie lange dauert das Ausströmen deines Ausatems? Wird er länger? Beruhigst du dich? Nutze allenfalls die «Lippenbremse», das Ausströmen lassen der Luft über die geschürzten Lippen (stell dir ein «fff» vor, wenn dir das gerade nichts sagt.)

Stell dir vor, dein Atem profitiert auch dann von deinen Atemübungen, wenn du ihn nicht willentlich steuerst (was wahrscheinlich 99 % deiner Zeit der Fall ist), weil du a) im Vertrauen zu deinem Körper bist; b) dich an dir selbst und an deinem ureigenen, natürlich gesunden Atem orientieren kannst; c) bewusst atmest, ohne den Atem bei seiner Arbeit zu stören und ihm die besten Bedingungen dafür gibst, ohne ihn jede Minute zu kontrollieren.

Also auch dann, wenn du schläfst oder dich auf deine Arbeit konzentrierst. Der Atem tut seine Arbeit natürlich gesund für dich als ganzer Mensch. 20’000 Mal am Tag. Mit dem Willen erreichst du das «mit bestem Willen» nie im Leben.

Mehr Vertrauen in den natürlich gesunden Atem

Richtigmacheritis verursacht Stress. Gerade der Atem reagiert daraus sehr sensibel. Indem du die Richtigatmerei aufgibst, kannst du dich vom Joch des Guru-Atems entlasten: Es gibt kein richtig. Der Atem – du! – kannst das selbst. Dich an anderen oder an einer bestimmten Person/Technik orientieren müssen. Dich übergehen, weil du gar nicht in Kontakt zu dir selbst kommst vor lauter Richtigmacheritis.

Damit wirst du anpassungsfähiger und flexibler. So gelingt es einfacher, mit den inneren und äusseren Herausforderungen des Lebens umzugehen, im Kontakt zu dir. Trotzdem hast du deinen Atem immer dabei, dein Notfallkit, das du für dich anwenden kannst. Wenn du findest, 4-7-11 ist jetzt genau das richtige, dann tu das. Aber tu es, weil du erfahren hast, dass es dir hilft, und nicht, weil dir jemand sagt, das sei genau das richtige für dich. Und wenn du beim Ausatmen mal auf 6, mal auf 8 kommst, ist die Übung trotzdem genauso gelungen.

Wie siehst du das? Gibt dir eine bestimmte Atemweise/ein Atemlehrer als Guru-Atem nötige Orientierung und Stütze oder stresst dich die Richtigmacheritis beim Atmen? Nutzt du Atemtechniken zur Symptombekämpfung oder bist du im Prozess, wie du dein Atembewusstsein entwickelst? Hinterlasse mir im Kommentar gerne deinen Standpunkt, deine Fragen oder auch deine Widerworte – ich bin gespannt!

Ich glaube, viele Menschen wünschen sich einen Atem-Guru, weil sie gar nicht selbst in die Verantwortung gehen wollen zu sich, ihrem Mass und ihrem eigenen Tempo. Entscheide du für dich: Wann soll es Technik sein und wer vermittelt sie dir? Wann verspürst du den Wunsch, mehr über dich und dein ureigenes Wesen zu erfahren, über deinen natürlich gesunden Atem und wie er dich zu bewegen vermag?

Aus dem Nähkästchen geplaudert

Als ich vor etwa 10 Jahren begann, mich für Atemtherapie zu interessieren und dazu Informationen sammelte, gab eine ein paar Momente, in denen ich mich ernsthaft fragte, ob die Middendorf-Methode eine Sekte sei. – Nein. Habe ich dann für mich herausgefunden. Selbst wenn es Menschen gibt, die finden, es brauche «einen neuen Guru für die Methode» oder Gruppen von Therapeutinnen, die überzeugt sind, es «richtiger» zu praktizieren als andere: Atemtherapie nach Middendorf ist keine Sekte.

Ist/War Prof. I. Middendorf selig eine Gurvi? Schreib mir in den Kommentar, wie du das siehst oder erlebt hast. Vielleicht ist es einfach so, dass für mich besonders selbsternannte Gurus (Gurvis kenne ich bisher keine) einen schalen Nachgeschmack hinterlassen und ich damit noch weniger umgehen kann, als mit dem Phänomen ohnehin. Wenn ein Mensch von seinen Fans oder Schüler:innen verehrt und wegen seines Charismas und seiner Kenntnisse und Fähigkeiten geschätzt und als Vorbild genommen wird – was kann der/die schon dafür oder dagegen tun?

Ich glaube mittlerweile, viele Menschen sind genau richtig aufgehoben bei einer bestimmten Atemtechnik oder bei den Anleitungen von ihrem Atem-Guru. Sie wollen das und es ist ihre Wahl. Vielleicht, weil sie den Bezug zu sich nie gelernt oder verloren haben. Es gibt immer wieder Phasen im Leben, in denen auch ich gar nicht mehr wissen will über mich. Momente, in denen ich mir einfach nur die schnelle Lösung oder die «Heilung auf Knopfdruck» wünsche. Dann will ich mich nicht mit einer inneren Reise herumschlagen. (Gerade dann, wenn es offensichtlich bitter nötig wäre …)

Wahrscheinlich braucht es einen Wendepunkt. Der Moment im Leben, der eindeutig den Wegweiser zu sich selbst markiert und die Entscheidung des Individuums fordert: Willst du dich entfalten aus deinen ureigenen Kraftquellen und zu dem Menschen werden, der du im Innersten bist? Dann bist du bei der Atemtherapie nach Middendorf gut aufgehoben.

Wird ohne richtig und falsch nicht einfach alles wischiwaschi?

Richtig und falsch geben Orientierung. Ja, das stimmt so. Wenn ich hier den Trend zur Richtigmacheritis beim Atmen anprangere und den Guru-Atem hinterfrage, so ist das weil

  • es stresst und unglücklich macht, wenn du von dir selbst erwartest, immer alles richtig zu machen
  • ich mir wünsche, dass du deinen Lebenshauch behütest und zum Aufblühen bringst
  • dein Atem und sein Fluss dir dein Wesen und deine Kraftquellen aufzeigen können
  • dein Rhythmus, dein Tempo und dein Mass wichtiger sind als was eine Technik als richtig vorgibt
  • ich mich lange genug selbst gestresst habe, weil ich alles richtig machen wollte

Ich wünsche mir, dass wir jenseits von richtig und falsch im Sowohl-als-auch in Austausch kommen können. Dazu gehört für mich als erstes, die eigene Wahrnehmung zu teilen. Schärfe deine Sinne, erzähl uns, was du erlebst und was es mit dir macht. Gerade jetzt. Du hast bis hier gelesen: Was passiert jetzt bei dir? Lass unsere Atem-Community daran teilhaben.

Meine 3 besten Tipps, wenn du bei dir Richtigmacheritis beim Atmen feststellst

  1. Wende den Atemschlüssel von Ilse Middendorf an: «Wir lassen unseren Atem kommen / wir lassen ihn gehen / und warten, bis er von selbst wieder kommt.» [Einatem strömt durch die Nase ein]
  2. Schärfe deine Sinne und nimm im wertfreien Beobachten wahr, was in dir und/oder um dich herum gerade ist.
  3. Lausche deiner Atembewegung, ohne sie zu stören. Dehnen, Gähnen, Räkeln, Bewegen – darf alles entstehen.

Was auch immer du auswählst: Nimm dir anschliessend einen Moment Zeit, dem Erlebten nachzuspüren. Was hast du erfahren? Wie sortiert es sich nun im Körper? Wie geht es dir mit dem, was sich zeigt? Sobald du es formulieren kannst, ist es in deinem Bewusstsein angekommen. Wir hören gerne von dir, was dir begegnet ist, jenseits von richtig und falsch, im Kontakt zu dir.

Und: Dein Atem kann für dich leisten, was du mit bestem Willen allein im Kopf niemals zustande bringst. Gesundheit, Wohlbefinden und Zufriedenheit – dein Lebenshauch ist dafür dein bester Freund, dem du vertrauen darfst. Gib ihm ideale Arbeitsbedingungen und schenk ihm immer wieder Momente des innigen Kontakts, übe mit ihm, unterwegs zu dir und zurück zum natürlich gesunden Atem. Das braucht Zeit und Geduld und die Bereitschaft, dich auf einen solchen Prozess einzulassen: Täglich 20’000 Atemzüge – das kannst du nicht kontrollieren. Aber darauf vertrauen, dass es gelingt.

Jetzt bist du dran

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  • Liebe Susanne,
    Für mich als Atempädagogin nach Ilse Middendorf ist es ganz klar, dass das eigene Maß beim Atmen für mich ganz wesentlich ist. Jeder von uns ist einzigartig, und deshalb ist es für mich so wichtig, dass ich mir mein Maß auch erlaube – also den Atem nicht zu kontrollieren, sondern ihnen eben nach Ilse Middendorf „Ich lasse den Atem kommen, ich lasse ihn gehen und warte bis der nächste Impuls wieder kommt als unglaublich wertvoll, weil so jeder von uns aufgefordert ist eben sein eigenes Mass zu finden, nicht irdendjemand zu folgen, sondern die Einladung zu lernen was ist mein persönliches, eigenes Maß, Liebe Grüße Bettina

    • A
      Susanne von Atemhaus Wagner

      Liebe Bettina, ja genau, da das sehe ich auch so. Kein Wunder, schliesslich orientiere ich mich auch an Middendorfs Atemschlüssen und arbeite mit dem Erfahrbaren Atem. So schön, dass wir Verbündete sein dürfen in einer Welt der Richtigatmeritis! Danke für deinen Kommentar und ich freue mich über die Vernetzung mit dir – Herzlich, Susanne

  • Liebe Susanne
    Ja, der Wunsch nach dem „Richtigen“, nach Orientierung aus dem Aussen, dem begegne ich in meiner Atem-Praxis auch oft. Ich frage mich dabei, ob dahinter nicht eine Art Angst steckt, was das unbekannte Grosse in unserem Inneren, mit dem wir über unseren Atem verbunden sind, mit uns macht, wenn wir uns ganz darauf einlassen…
    Zu Erkennen, dass wir tief in uns eine grosse Potenzial-Schatzkammer haben, ist ja eigentlich etwas absolut Wunderbares. Wenn nicht unser Verstand diese Körperwahrnehmung als „Blödsinn“ oder „unmöglich“, weil nicht beweisbar, nicht (an-)fassbar einstuft würde… Die grosse Kraft des Atems und sein ganzes Potenzial können wir aber nur erfahren, wenn wir uns einlassen auf den Atem und auf die Körperwahrnehmungen. Dann spüren wir, dass der Körper eben mehr ist und seine eigene Weisheit in sich trägt, die uns in allen Lebenssituationen hilft. Dann braucht es keinen Guru mehr!

    Danke, dass du dieses Thema angesprochen hast. Es bewegt mich seit langem sehr und gleichzeitig hat mich dein Artikel zum Nachdenken angeregt.

    Liebe Grüsse
    Eveline

    • A
      Susanne von Atemhaus Wagner

      Liebe Eveline, ja genau! Weil der Kopf nicht wagt, zu glauben, was da ist 🤗 Danke für deinen Kommentar. Atemgruss von Susanne

  • Birgit Buchmayer

    Liebe Susanne,
    du sprichst mir aus der Seele. In allen meinen Kursen wiederhole ich mich fast mantramäßig, wie wichtig es ist, seinen eigenen Weg zu gehen, sich selbst gut zu spüren und die eigenen Erfahrungen zu machen. Dann entscheiden, ob es einem gut tut oder nicht und ob die Technik zielführend ist.
    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das für Viele sehr schwer ist, ist ja auch so ein Ding mit der Selbstverantwortung.
    Und manchmal schmeichelt genau das dem Ego des Gurus, auch das habe ich in Ausbildungen erlebt – einfach grauenhaft.
    Danke für deinen ausführlichen Artikel.
    LG Birgit

    • A
      Susanne von Atemhaus Wagner

      Liebe Birgit – oh, schön, eine Verbündete im Netz! Ich habe das auch, allerdings sagte ich bisher «Sprung in der Schallplatte» dazu – Mantra wäre passender und zeitloser 😄 Ja, es ist ein Weg und dafür, finde ich, darf man sich seine Begleiter besonders sorgfältig aussuchen. Merci dir für deinen Kommentar und die weiteren 1000 Mal, wenn du es wieder sagst. Gruss, Susanne

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